Rudolf Burger, hier beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung" im Café Hegelhof. - © Hämmerle
Rudolf Burger, hier beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung" im Café Hegelhof. - © Hämmerle

Einst wurde er gefeiert als wagemutiger Held, schreibt der Wiener Philosoph Rudolf Burger 1991 in einem Essay über den Flüchtling. Und zum Helden wurde er, weil er Zeugnis ablegte von der Unterlegenheit des kommunistischen Ostens und der Überlegenheit des kapitalistisch-liberalen Westens. Allein die Tatsache dass er floh, war der Beweis genug für diese Rangordnung der konkurrierenden Gesellschaftssysteme.

Doch mit dem Heldenstatus ist es 1991 vorbei, aus dem Zeugen der eigenen Überlegenheit während des Kalten Kriegs ist durch den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus eine Belastung geworden, eine Gefahr für die eigene nationale Identität. Der Held hatte seine Schuldigkeit getan, fortan war seinesgleichen nicht mehr gern gesehen.

Es sind Gedanken wie diese, welche die Texte von und Gespräche mit Burger zu einer inspirierenden Herausforderung und Erfahrung machen. Wo die meisten anderen - Denker wie Journalisten - von Gefühlen und Überzeugungen bei ihrer Analyse der Gegenwart leiten und treiben lassen, seziert Burger die Ereignisse auf der Suche nach dem Prinzipiellen.

Das klingt oft kalt und hartherzig. Deshalb polarisiert der 80-jährige ehemalige Rektor der Universität für angewandte Kunst auch erheblich. "Man muss die Menschen wie Insekten betrachten, man darf sich nur nicht selbst dabei ausnehmen", erklärte er am Mittwochabend bei der Präsentation des schmalen Bands in Wien, der Gespräche und Essays aus fast drei Jahrzehnten zu den Themen Migration, Flucht und Identität versammelt. Auch drei Interviews, erschienen in der "Wiener Zeitung", sind mit dabei.

Was Burger, der sich selbst einen katholischen Atheisten nennt, in den letzten Jahren angetrieben hat, war - im Zusammenhang mit der islamischen Migration und dem islamistischen Terrorismus - die Rückkehr der Religion als gesellschaftsprägende Kraft. Deren Siegeszug gefährdet für ihn die Grundlagen unserer freien Gesellschaft.

Das - und seine Kritik am "antifaschistischen Karneval" anlässlich der ersten schwarz-blauen Regierung - hat ihm bei Linken den Ruf eines Rechten eingebracht, was hier zweifellos nicht nur als Einordnung, sondern auch als moralische Denunziation gemeint ist. Dem pflegt Burger das so strenge wie kühle Denken der rationalen Vernunft entgegenzuhalten. In der Auseinandersetzung mit seinen Argumenten lässt sich wunderbar der eigene Standpunkt schärfen.