Viele große Literatur beruht auf sehr einfachen inhaltlichen Kausalitäten: der Umgang mit Retortenmenschen in Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten"; der grassierende Verfall in Paul Austers Endzeit-Fik-
tion "Im Land der letzten Dinge". Und natürlich "Die Wand" in Marlene Haushofers unheimlichem Meisterwerk. Mit dieser verbindet "Die Mauer" John Lanchesters eine weitschichtige Wesensverwandtschaft: Das gleichnamige Bauwerk trennt Vorher und Nachher, Diesseits und Jenseits. Nur ist seine Wirkungsgeschichte unvergleichlich dramatischer und weitreichender. Als Demarka-
tionslinie zwischen Reich und Arm separiert es nicht nur Menschen, Nationalitäten und Ethnien, sondern buchstäblich Welten.

"Die Mauer" spielt in einer zeitlich nicht näher definierten, aber vermutlich nicht fernen Zukunft. Denn obwohl man Strände und Badeurlaube nur mehr aus Filmen kennt, Fliegen - wegen Flugtreibstoffknappheit - wie früher wieder zum Privileg der Elite und militärischer Abwehrkräfte geworden und Wein nur mehr sehr selten zu haben ist, ähnelt diese Welt in vielen Signifikanten noch immer der, die wir kennen.

Auf der Erde hat eine Ereigniskette stattgefunden, die als "Der Wandel" bezeichnet wird: Menschen haben durch die Klimaerwärmung und das Ansteigen des Meeresspiegels ihre Lebensgrundlagen und sogar -räume verloren und versuchen in Scharen, in die Länder im Norden zu gelangen.

Großbritannien hat sich gegen die Invasion dieser Besitzlosen und Verzweifelten, die schlicht "Die Anderen" genannt werden, durch eine 10.000 Kilometer lange, drei Meter breite und zum Meer hin fünf Meter hohe Mauer entlang der Küsten gewappnet. Die Mauer wird von 200.000 Männern und Frauen täglich verteidigt. Alle müssen auf ihr Dienst tun; ausgenommen jene üblichen Privilegierten, die es sich richten konnten, und Kräfte, die durch besondere Eignung Aufnahme bei der Luftsicherung oder bei der Küstenwache gefunden haben.

Eigentlich sind die Anderen in ihren Ruder- und Schlauchbooten leichte Beute für die schwimmenden und fliegenden Abwehrkräfte, aber es sind ihrer viele, und immer wieder gelingt es einigen, bis zur Küste zu kommen und die Mauer zu überwinden. Für jeden Angreifer, der es über die Mauer schafft, wird ein Verteidiger auf das Meer verbannt. Jene Anderen aber, die über die Mauer ins Landesinnere gelangen, werden schon nach zehn Minuten identifiziert und aufgegriffen, da sie den Chip nicht haben, den jeder Einheimische implantiert hat.