"Keller lachte das Lachen, das man lacht, wenn man über ein Kabel stolpert und dadurch einen Laptop vom Tisch reißt, ihn wie durch ein Wunder auffängt, sich dabei den Rücken zerrt, den Computer doch fallen lässt und sich dann erinnert, dass das Scheißding gestern schon kaputtgegangen ist." Alexander Keller ist der Erzähler im Roman "Fischsitter" des Wiener Autors Paul Ferstl. Originell und vergnüglich zeichnet dieser den Fischkenner Keller, dessen japanisch-wienerische Freundin Mariko, die sich Mary nennt, und deren Künstlerfamilie.

Keller setzt seine Kenntnisse lukrativ in Fischzucht, Aquarienbetreuung und Gastronomie um. Er liebt Fische lebendig, roh und gebraten, jongliert meist erfolgreich zwischen seinen verschiedenen Geschäftszweigen. Der Mann ist gelassen und ausgeglichen, für seine Mitarbeiter ist auch oft ein lockerer Spruch drin: "Fürchte das Alter, Miro, fürchte es!" Ferstl liefert Dialoge wie aus dem Leben gegriffen und verleiht auch Nebenfiguren, wie etwa seinem Lehrling Miro, einzigartige Züge.

Bei Marys Eltern lernt Keller auch Marys Großvater kennen, dessen 90. Geburtstag bald groß gefeiert werden soll: Akira Benshi ist Künstler und Gartenarchitekt, dessen Ruhm und Autorität trotz seines jahrzehntelangen Schweigens und seiner künstlerischen Untätigkeit unangefochten ist. Marys Eltern leben von - und definieren sich ausschließlich über seine Kunst. Der Vater male und plane Gebäude, verwalte Benshis Geld, erfährt Keller von Marys Tante, organisiere Ausstellungen von Benshis Kunst und inszeniere Performances in dessen Gärten.

Seit dem Atombombenabwurf über Nagasaki hat Großvater Ben-shi kein Wort gesprochen, aber Keller gegenüber bricht er sein Schweigen. Die Familie reagiert konsterniert, zumal sie nicht wusste, dass der Senior des Deutschen mächtig ist. Benshi macht Keller zu seinem Helfer bei der vermeintlichen Neugestaltung seines Gartens, und dieser wirft mit pseudowissenschaftlichen Werkdeutungen um sich - der Roman ist auch eine Satire auf den Kunstbetrieb.

Katastrophen

Anfangs beobachtet Keller die Familienstrukturen und die erwachten Lebensgeister des Alten interessiert bis amüsiert, doch zunehmend reibt auch er sich an dessen eisernem Willen und Rücksichtslosigkeit auf und hilft unfreiwillig bei der Zerstörung von Benshis Lebenswerk. Zu allem Elend fängt Mary wieder an, sich zu ritzen. Und dann stellt Keller auch noch seiner alten Flamme Christine nach, der Witwe seines besten Kunden Pollack, dessen Luxusaquarium Keller laufend bestückt.

An Katastrophen spart Ferstl nicht; die ruhige Erzählstimme lässt sie umso mächtiger wirken. Keller sei der einzige glückliche Mensch, den sie kenne, sagt Mary kurz vorm skurrilen Romanende.