Ob man als ‚Nachgeborener‘ berechtigt und befähigt ist, einen Roman, also einen fiktiven Text über die NS-Zeit zu verfassen, bezweifle ich", schreibt die Kärntner Autorin Helga Glantschnig in dem Vorwort, das sie dem 1943 bis 1945 entstandenen Tagebuch ihrer Mutter vorangestellt hat. Der Satz scheint wie gemünzt auf die Debatte um Takis Würger und seinen missratenen Roman "Stella". Was Glantschnig hingegen mit der Herausgabe von "Das ,Kriegstagebuch‘ meiner Mutter" gelingt, ist, ein zunächst so triviales wie höchst aussagekräftiges Dokument aus der Familiengeschichte zugänglich zu machen.

Ihre Mutter war gerade sechzehn, als sie mit den Aufzeichnungen begann, in denen sie sich als glühende Anhängerin der Nazis entpuppt. Glantschnig kontextualisiert das Tagebuch mit zeitgleich entstandenen Aufzeichnungen zweier anderer Frauen: dem "Kriegstagebuch" von Ingeborg Bachmann (erschienen 2010 bei Suhrkamp) und den Notizen der Kärntner Slowenin und Widerstandskämpferin Anna Jug über ihre Zeit im KZ Ravensbrück ("Ich war Nr. 20373 in Ravensbrück", erschienen 2012 im Verlag kitab). So gelingt es besser, die oft naiven Notizen der jugendlichen Mutter zu verstehen: sie zeigen mustergültig die Verführbarkeit junger Menschen; zugleich wird deutlich, dass Jugend keine Entschuldigung dafür war, der menschenverachtenden Ideologie der Nazis anzuhängen.