Der Bub ist wütend. Die Chorleiterin hat zu ihm gesagt, er singe schlecht und solle in Zukunft den Mund halten. Seinen Zorn über diese Kränkung lässt er nachmittags an dem Grammophon aus, das seinem Großvater gehört. Eigentlich soll er die einzige Schallplatte, die im Haushalt vorhanden ist, zum Klingen bringen, aber er behandelt den uralten Apparat grob und ungeschickt, schließlich wirft er ihn zornig auf den Boden. Dabei ruft der Bub immer wieder unter Tränen: "Ich hasse Musik, ich hasse Musik."

Der Großvater, der von einem Reitunfall gelähmt in einem gewaltigen Ohrensessel sitzt, nimmt den Enkel auf den Schoß und äfft laut lachend dessen Hasstirade nach. Das dröhnende Gelächter überträgt sich schließlich auf den verzweifelten Buben - und auf das ganze Zimmer: Die Möbel und all die vielen Gegenstände, die in den Schubladen vor sich hin stauben, lachen lauthals mit.

Am Ende der kurzen Geschichte, die der Bub selbst erzählt, singen Großvater und Enkel ein Lied. Wunderbarerweise erweisen sich auch die bronzenen Löwenköpfe, die als Schubladenöffner Dienst tun, als kraftvolle Sänger. Sie bilden alle zusammen einen "Löwenchor", der "knurrend und wild" ein "uraltes Lied" singt. Wovon es genau handelt, weiß der Enkel nicht, aber er versteht die Botschaft, "dass wir uns vor nichts und niemandem fürchten, weder vor dem Wind, dem Mond und der Sonne noch vor der Dunkelheit". Wie berichtet wird, ist dieser Gesang "sehr schön und weithin zu hören", und auch dem Buben ist danach wieder wohler.

29 kurze Geschichten hat der ungarische Autor György Dragomán, geboren 1973, unter dem Titel "Löwenchor" zusammengefasst. Er selbst nennt sie "Novellen", doch kann man sie wohl auch als Kurzgeschichten, und manche als surreale Phantasie- gebilde bezeichnen. Wie die Titelgeschichte, handeln die meisten anderen von den Bedrängnissen des Alltags, und von den diversen Möglichkeiten, damit zurechtzukommen. So hat der gelähmte Großvater seinen Ohrensessel in einen Rollstuhl umgebaut, indem er jedem der vier Sesselfüße Rollschuhe angeschnallt hat.

In einer anderen Geschichte begegnet man einem Mann, der von seiner Frau verlassen wurde, und sich mit dem Bau von Lautsprechern über diesen Verlust hinwegtröstet. Auch als er an Krebs erkrankt, arbeitet er weiter an der Perfektionierung seiner Boxen. Allerdings probiert er sie niemals aus, weil er weiß, dass sie noch immer nicht perfekt sind. Nach dem Tod des Mannes findet sein Sohn einen Brief: Er wisse, schreibt der Vater, dass der Sohn vollkommen unmusikalisch sei und die exorbitante Qualität der Boxen nicht würdigen könne.