Der Glanz des Großbürgertums des Wien um 1900 existiert nur noch in der Erinnerung. Das Wien der Jahre nach 1945 ist verwundet, es ist eine graue Stadt geworden - und sie bringt eine Literatur hervor, in der sich die neue Zeit spiegelt. So weit die Grundüberlegung der bemerkenswerten Ausstellung "Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur" im Literaturmuseum.

Einzuwenden ist, dass solch eine Sicht rein inner-literarisch Gültigkeit hat. Denn wenn Arbeiter-Elend und Kleinbürger-Tristesse auch aus den zumeist großbürgerlichen bis adeligen literarischen Zirkeln des Fin de siècle ausgeblendet bleiben, heißt das noch lange nicht, dass es sie nicht gegeben hätte. Die Nachkriegsautoren werfen freilich - hier stimmt der Ansatz wieder - einen neuen Blick auf die österreichische Hauptstadt und stellen damit vielleicht auch eine Art sozialen Ausgleich in der Literatur her.

Die "Peststadt mit
dem Todesgeruch"

Literatur auszustellen ist immer schwierig, denn Literatur will nicht angeschaut, sondern gelesen werden. Katharina Manojlovic und Bernhard Fetz, die für die Schau verantwortlichen Kuratoren, begegnen der Schwierigkeit, indem sie die Ausstellung als eine Art große Installation konzipieren und die Besonderheit der Räumlichkeit mit den engen Gängen zwischen den Regalen miteinbeziehen. Gewissermaßen geht man durch Wiener Sprachwege.

Deren erstes Kapitel empfängt unfreundlich: "Peststadt mit dem Todesgeruch" steht da - das hat Ingeborg Bachmann geschrieben. Sie wirft einen satirischen Blick aus vorgeblich touristischer Perspektive auf die "Strandgutstadt".

Das zweite Kapitel behandelt Übergangszonen und Ödstätten wie das ehemalige Inundationsgebiet, aus dem die heutige Donauinsel wurde.

Die Ödstätten spielen auch in das dritte Kapitel, "Gehen", hinein, denn Peter Handke schöpft aus solchen Gegenden einen Teil seiner Inspiration. Der geistig-sinnlichen Erfahrung Handkes gegenübergestellt ist Thomas Bernhards Erzählung "Gehen", in der Bernhard Denken und Gehen in den letzten Endes ungünstigen Zusammenhang eines Erschöpfungszustandes bringt. Barbi Marković reflektiert dann Bernhards Erzählung in ihrem Text "Ausgehen".

Den Tatort Wien behandelt das vierte Kapitel, in dem naturgemäß Graham Greenes Roman "Der dritte Mann" und seine Verfilmung im Mittelpunkt stehen. Doch auch Milo Dor und Reinhard Federmann haben, ebenso wie Josef Haslinger, die kriminellen Seiten Wiens abgehandelt: ein "Opernball" mit rechten und religiösen Verschwörungen bei Haslinger, eine Ost-West-Agentengeschichte in "Romeo und Julia in Wien" bei der Gemeinschaftsarbeit von Dor und Federmann.