"Erzähl mit nichts vom Krieg" hieß einst, schon vor 40 Jahren, ein Gedichtband von Jürgen Becker. Zwar haben sich die Autoren an diese Aufforderung auch späterhin nicht gehalten, doch das Genre Kriegsliteratur ist zumindest im deutschen Sprachraum mittlerweile weitgehend erledigt.

Auf dem Balkan muss das gewiss anders sein. Doch verblüffenderweise widmet sich der kroatische Schriftsteller Slobodan Snajder nicht dem näherliegenden Thema des Jugoslawien-Kriegs, sondern er schreibt einen Vaterroman, und da gilt die Aufmerksamkeit des 1948 geborenen Autors der Kriegsgeneration, die in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurde.

Vergangenheitsbewältigung auf Kroatisch also. Doch zunächst beginnt alles viel früher: mit Maria Theresia. 1770 hatten Gesandte der österreichischen Herrscherin die Schwaben in Württemberg nach einer Hungersnot an die untere Donau, nach Slawonien, gelockt, um dort den brachliegenden Grenzraum zu besiedeln und damit als Bollwerk gegen die andrängenden Osmanen zu dienen.

In Ulm brach damals auch ein Einheimischer namens Kempf als Aussiedler auf und wurde zum Urahn einer Siedlerfamilie an den Ufern von Sava und Drau, im Osten des heutigen Kroatien. In der Monarchie hat man die Donauschwaben gern "Schwabas" genannt.

Von der Siedlungsgeschichte seiner Vorfahren springt der Erzähler flugs in den Zweiten Weltkrieg. Denn darum geht es ihm: die mutmaßliche Geschichte des eigenen Vaters aufzurollen, unterstützt durch erinnerte Gespräche und lebensgeschichtliche Zeugnisse aus der Familie. Georg Kempf war Angehöriger jener Donauschwaben, die sich in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts plötzlich in einer von Stammes- und Rassenfragen aufgehetzten Politik wiederfanden.

Diese "Volksdeutschen" in Slawonien, um die sich die Nazis bemühten, wurden für den Kriegsdienst umworben. Sie seien "die Blüte des Deutschtums", wurde den Männern versichert, um sie vom Korso weg für die Waffen-SS zu verpflichten. Spätestens nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad hat man Hunderttausende junger Männer auch gegen ihren Willen für Hitlers "Schutzstaffel" rekrutiert. Um den Schein zu wahren, wurden die Zwangsverpflichtungen als "Freiwilligen-Aktionen" deklariert.

Georg Kempf, den sie in Polen später Jurek und in Kroatien Duka nennen, war im März 1943 als ein solch "freiwillig Gezwungener" in die Waffen-SS eingezogen worden. In der Ulanenkaserne von Stockerau wurde er ausgebildet und alsbald in Himmlers Spezialdivision "Galizien" zum Einsatz an die Ostfront, nach Polen, abkommandiert.