Essayist, Kulturpublizist, Krimiautor: Markus Bundi. - © privat
Essayist, Kulturpublizist, Krimiautor: Markus Bundi. - © privat

Der Transvestit am Stauwehrrechen ist tot. Recht frisch ins Wasser geworfen, und von ihm aus bilden sich konzentrische Ringe, die am Ende weit mehr als nur den Kunstort Jedastedt ins Schwanken bringen.

Man darf einen guten Appetit haben, wenn man sich Markus Bundis Krimi "Alte Bande" vornimmt, und gleichzeitig feine Geschmacksnerven. Das liegt an der ausführlichen, immer wiederkehrenden Beschreibung von Speisegenuss. Viel wichtiger aber ist die große Fülle an Figuren, Verwicklungen, lebendig geschilderten Schauplätzen und die Menge an Sprachregistern, die Bundi präsentiert. Der Fall wuchert ebenfalls vital in die Tiefe, die Breite, die Höhe. Der Autor kann und will uns Leser deshalb am Ende auch nicht mit einer billigen, simplen Lösung abspeisen.

Bei seinem ersten Krimi macht Bundi, der bisher erfolgreich die kurze Strecke in Lyrik und Prosa bevorzugte, nicht den Fehler, alles neu erfinden zu wollen: Genreliebhaber finden ein ungleiches Ermittlerpaar - den eigenwillig weisen Walle Troller, Anfang 50, geschieden, etwas ausgebrannt, und seine in puncto Intuition durchaus ebenbürtige Nachfolgerin Jette Hagen, die fast zwanzig Jahre jünger ist. Es gibt das Polizei-Team mit seinen Animositäten, Unsicherheiten, Aggressionen und erotischen Spannungen.

Ebensowenig fehlen die zwielichtigen Gestalten, die Schatten der Vergangenheit, die einsamen Wölfe. Und natürlich die verwirrenden Morde. Dass sich Gut und Böse teils ununterscheidbar vermischen, versteht sich: Frustrierte Ermittler wollen auch einmal gesetzlos agieren, während erfahrene Verbrecher auch schon einmal legale Investitionsmöglichkeiten oder Tätigkeitsfelder suchen.

All dies dekliniert Bundi aber keineswegs brav durch. Einerseits hübscht er die Handlung humorvoll auf mit nur scheinbar harmlosen Hartgummifiguren: Schlümpfen. Andererseits verleugnet er den Literaten nicht, baut Kleist, Epiktet, Nietzsche ein. Ehe man denkt, Bundi beschwere die Krimihandlung damit zu sehr: Man trifft auch regelmäßig und handlungsrelevant auf Popkultur, beispielsweise "Star Trek" und "Star Wars".

Das ganze Buch ist zudem geprägt von einer Unmenge an Redensarten, Sentenzen, Weisheiten, Sprichwörtern, Einzeilern, alten und neuen: "Schwerelosigkeit ist immer eine Illusion", weiß Jette Hagen. Und "Tränen sind wie Benzin, nur besser". Manche klingen pathetisch schwer: "Erst das Grab besiegelt die Niederlage." Andere wie Kalauer: "Warum einen Laubbläser anschaffen, wenn der Wind weht?" Viele taugen als Maximen: "Schnell denken, wenn sich nichts tut; langsam, sehr langsam, wenn sich die Dinge überschlagen." Manche erinnern an Zen-Sprüche: "Im Beobachtetwerden die Beobachter beobachten."

Im Stile alter Lustspiele übertreibt Bundi teilweise die Entdeckung überraschender Verbindungen bis hin zu neuen Töchtern, Cousinen, Onkeln und Tanten. Überhaupt gibt es in seinem Jedastedt ungeheuer viele Allianzen, "Alte Bande" eben, die dann in neuen Banden fortbestehen, welche das Ruder übernehmen wollen. Ob das Einziehen einer Meta-Ebene gegen Ende hin nötig war, bleibt allerdings fraglich. Auch einige Motive für Taten und Untaten überzeugen nicht restlos, manches bleibt Bundi schuldig, bewusst, was es aber nicht weniger unbefriedigend sein lässt.

Als sehr realistisch und gar nicht gezwungen erweist sich hingegen das Einwirken einer mächtigen Instanz von außen, die letztlich den verderblichen Impuls für eine Kettenreaktion gibt. Reale Begebenheiten der letzten Zeit spielen in die Handlung hinein, teilweise zur Kenntlichkeit entstellt, so etwa das Auftauchen einer sensationellen Sammlung vermeintlicher Naziraubkunst, die hier Gierloth heißt.

Und sehr gelungen wirkt im letzten Drittel die Verlagerung der Ermittlungen vom erfahrenen Kollegen Waller, der aus Befangenheitsgründen abgezogen wird, sein Glück als Kriminalistik-Dozent versucht und durchaus findet, auf seine Kollegin Hagen, die - mit seinen Lehren im Ohr - eigene Wege findet.