Über ein halbes Jahrhundert lang hat der Erzähler des Romans "Agathe" als Psychotherapeut gearbeitet, und es kommt ihm vor, als wären all die Leute, an deren Wohnungen er vorübergeht, schon irgendwann einmal auf seiner Couch gelegen. Nicht, dass es irgendwas gebracht hätte. Er ist müde. In wenigen Monaten wird er seine Praxis schließen, und das ist gut so. Eigentlich gehen ihm die Patienten schon lange auf die Nerven. Er lässt sie reden, währenddessen kritzelt er Zeichnungen zerrupfter Vögel auf seinen Notizblock. Manchmal entkommt ihm routinemäßig ein Brummen, manchmal gibt er eine lieblose Plattitüde von sich.

Sein einziges Vergnügen besteht darin, die Stunden bis zu seinem letzten Arbeitstag herunterzuzählen - auch wenn ihm die Leere, die danach auf ihn wartet, Angst macht. Abends trinkt er eine Tasse Tee und lauscht den Alltagsgeräuschen seines Nachbarn, dem er sich dadurch verbunden glaubt. Doch im Grunde weiß er nichts von diesem Mann, und auch nur wenig aus dem Leben seiner Sekretärin, die seit dreißig Jahren die Patientenakten schlichtet. Aber dann . . .

Energisch drängt sich die junge Agathe in den Terminkalender des Therapeuten. In ihrer Traurigkeit erkennt der alte Mann sich selbst, ihre Sehnsucht nach dem Leben weckt die seine. Nein. Es ist noch nicht vorbei.

Anne Cathrine Bomann ist mit "Agathe" ein schmaler, feiner und überaus kluger Roman gelungen. Die 1983 geborene Autorin arbeitet als Psychologin und lebt in Kopenhagen.