Helmut Krausser gehört zu den vielseitigsten und schillerndsten deutschsprachigen Schriftstellern. Er schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte, Tagebücher, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Zudem komponiert er Musik. Auch als Backgammonmeister und starker Schachspieler ist er in Erscheinung getreten. Im Verlag Klaus Wagenbach hat er gerade unter dem Titel "Zur Wildnis" einen Band mit Kneipengesprächen veröffentlicht.

Beinahe zeitgleich erscheint sein neuer Roman "Trennungen, Verbrennungen". Auf Facebook verkündete Helmut Krausser, dass der Titel auch eine kleine Hommage an Theodor Fontane im Fontanejahr sei. Um Irrungen und Wirrungen und Liebesnöte in unterschiedlichen sozialen Milieus geht es schließlich auch in "Trennungen, Verbrennungen".

Zehn Jahre nach seinem grandiosen Episodenroman "Einsamkeit und Sex und Mitleid" schaut Krausser wiederum einem bunten Personenkarussell beim Durchdrehen zu. Handlungsort ist abermals Berlin, diesmal im Jahr 2017, und erneut geht es quer durch alle Schichten: Von der Professorenvilla am Wannsee führt der Weg über die studentischen Hilfskräfte an der Universität bis hinab zum serbischen Tellerwäscher. Ein Panoptikum der deutschen Hauptstadt und ein Gesellschaftsroman, der die Debatten unserer Gegenwart auf die satirische Spitze treibt.

Im Zentrum des Romans steht der 60 Jahre alte Archäologieprofessor Frederick Reitlinger, Vater zweier schwieriger Kinder und Mann einer Ehefrau, die mit seinem Einverständnis eine Affäre mit einem in der Nachbarschaft lebenden Hotelmanager pflegt. Eine pragmatische Vereinbarung, von der nur leider die Ehefrau des Nachbarn nichts weiß, was Krausser die Gelegenheit gibt, das Smartphone im alsbald entbrennenden Eifersuchtskampf als detektivisches Hilfsmittel boulevardesk einzusetzen. Wie es dem Autor überhaupt gelingt, seine Wahlverwandtschaften ins digitale Zeitalter zu überführen: Seitensprünge über die Dating-App Tinder, Sex gegen Geld im Netz anleiern, und jedermann ist jederzeit erreichbar, wenn auch nicht zur Stelle.

Nicht einmal zwei Wochen nimmt die erzählte Zeit dieses leichtfüßigen Romans, der nicht nur Gesellschaftsroman, sondern auch Berlin-Roman ist, in Anspruch. Wie so oft bei Krausser scheint einer Verfilmung nichts im Wege zu stehen: klar umrissene Typen, filmische Erzählweise und leinwandtauglich arrangierte Konflikte.

Zu den Erwähnten kommen noch die beiden Studenten Gerd und Leopold und deren Freundinnen: junge Leute in bizarren Beziehungen, denen das Geld und sonstige Oberflächenreize den Weg weisen. Zudem tauchen ein Callgirl und dessen Freund in wechselnden Rollen auf. Insgesamt ist es ein extrem unterschiedliches Personal: Alt und Jung, Reich und Arm, Schlau und Blöd. Der allwissende und allwitzige Erzähler kriecht in ihre Köpfe und berichtet, was da so vor sich geht.

In kurzen Kapiteln schubst Krausser sein Rondell der Eitelkeiten an. Schlaglichtartig nimmt er seine Figuren abwechselnd in den Fokus, begleitet ihre kruden Gedanken und ihre grundlegende Selbstgerechtigkeit nicht selten mit herzerwärmendem Sarkasmus. Helmut Kraussers Figuren scheinen allesamt übergeschnappt - und doch kein bisschen aus der Luft gegriffen. Bravourös zurechtgeschnitzte Typen, über die man gleichzeitig lacht und erschrickt.

Dezent passt der Erzähler seinen Sprachduktus der jeweiligen Figur an, erzählt aber immer aus der Distanz der dritten Person Singular. Schnell wechseln die Perspektiven, alle sind mit allen verbandelt, wobei Krausser geschickt unterschiedliche Wirklichkeiten ineinander verhakt. Der Blick seines Erzählers bleibt mitleidlos, kühl, mit einem feinen Schmunzeln um den spöttischen Mund. Frech schaut er unserer Gegenwart ins ungewaschene Gesicht. Doch wie schon in "Einsamkeit und Sex und Mitleid" bleibt die Angst das Gefühl, das die unterschiedlichen Lebensläufe bindet: die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg, die Angst vor den Fremden und vor neuen Erfahrungen.

Geld dient allen vorgeführten Figuren als Brennstoff, doch die Hysterien scheinen inzwischen einem neuen Pragmatismus gewichen. Alles, was vormals noch krass, schräg und unmöglich daherkam, erscheint nun gelassener, softer, heruntergedimmt. In klaren, schnörkellosen Sätzen beschreibt der Erzähler, was er sieht, wenn er seinen Protagonisten beim Leben zuschaut. Den Herrlich- und Trostlosigkeiten des Liebeslebens spürt Krausser genau nach, augenzwinkernd, aber auch bissig und mit scharfem Blick für die Details. Im Grunde genommen gar nicht so lustig, hier aber gottlob immer wieder zum Totlachen.