In Gary Shteyngarts Roman "Willkommen in Lake Success" (Penguin) setzt sich Hedgefonds-Manager Barry - auf der Flucht vor dem FBI und seiner Frau samt autistischem Kind - in einen Greyhound-Bus und lernt sein Heimatland abseits von Millionärs-Appartments und Luxus-Uhren kennen. Shteyngart zeichnet ein gewitztes Bild eines Amerikas, dem nichts anderes übriggeblieben ist als Donald Trump. Dass die Rücksichtslosigkeit des Finanzmarkts damit nicht wenig zu tun hat, kommt auch nicht zu kurz. HBO wird aus dem Buch eine Miniserie mit Jake Gyllenhall machen. Ein Gespräch mit Gary Shteyngart über Thunfischverbot, betrügerische Genies und den besten Hund der Welt.

"Wiener Zeitung": In Österreich haben wir den Postbus, der ist aber nicht annähernd so legendär wie der Greyhound. Was macht dieses typisch amerikanische Transportmittel so faszinierend?

Gary Shteyngart: Es ist wirklich unglaublich günstig und verbindet das ganze Land. Man zahlt 10 oder 20 Dollar für eine Fahrt von 1000 Meilen (Anm. etwa eine Entfernung Wien - London). Aber wenn du einsteigst, gibst du auch eine Menge deiner Rechte ab. Es ist ein bisschen so, als würde man in die Armee eintreten. Der Busfahrer ist der Drill Sergeant. Man wird zwar als Sir und Ma‘am angesprochen, aber man hat keine Macht mehr. Sobald man einsteigt, schreit er schon, dass in diesem Bus keine Sardinen und kein Thunfisch gegessen werden und schon gar nicht in diesem Bus geflucht wird. Viele Passagiere sind gerade entlassene Ex-Häftlinge, die bekommen zum Abschied ein Busticket. Auch einige Menschen, die gerade aus einer Psychiatrie kommen, fahren mit - manche haben noch ihr Armbändchen, dürften also geflohen sein.

Gary Shteyngart. - © B. Lacombe
Gary Shteyngart. - © B. Lacombe

Sie haben die Reise, auf die Sie Ihre Hauptfigur, den gestrauchelten Hedgefonds-Manager Barry schicken, selbst gemacht. Was haben Sie über die USA gelernt?

Dass es ein unglückliches Land ist. Die Probleme sind für Arbeiter immer größer geworden. Die Leute wissen nicht, wo ihr Platz ist in diesem Land. Ich habe in dem Bus meine ersten weißen Suprematisten getroffen, die Juden kreuzigen wollen (Anm. Shteyngart ist selbst Jude). Die waren völlig geschockt, als wir an einer Universität für Schwarze vorbeifuhren. Dass diese Schwarzen so ein Privileg haben! Das war verrückt, bedenkt man, dass so viele Universitäten hauptsächlich von Weißen besucht werden. Überrascht hat mich auch, als in einer Busstation eine Gruppe Marines wartete und sich die weißen und die schwarzen Soldaten unwillkürlich auf zwei Wartesäle aufteilten. Zumindest die Army gilt doch als großer Gleichmacher. Und dann sah ich, wie sich, als wäre es ganz natürlich, diese 19.-Jahrhundert-Perspektive ausrollte. Ich machte die Reise während Trumps Wahlkampf, und der drehte sich ja stark um Hautfarben und Einwanderer. Es gab viele Ressentiments, und es war ein kleiner Vorgeschmack, wie es sein könnte, wenn er gewinnt.