Geschichte der Menschheit im Zeitraffer: Robinson Crusoe (Buchillustration von N. C. Wyeth, 1920). - © Archiv
Geschichte der Menschheit im Zeitraffer: Robinson Crusoe (Buchillustration von N. C. Wyeth, 1920). - © Archiv

Achtundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit, vor allem dann, wenn man sie alleine auf einer abgelegenen Insel in den Tropen verbringt. In diesen achtundzwanzig Jahren ist vieles möglich, sie können paradiesisch sein, wenn man die Bilder von Palmen, Strand und einem türkisfarbenen Meer vor Augen hat. Sie können aber auch zur Hölle auf Erden werden, wenn man ohne die Annehmlichkeiten der Zivilisation einsam und vom Rest der Welt isoliert dort festsitzt. Vor dreihundert Jahren wurde ein Buch veröffentlicht, das das Leben zwischen diesen beiden Extremen zum Inhalt hat. Es ist die Geschichte von Robinson Crusoe, der auf einer Insel vor Südamerika strandete und, auf sich gestellt, eine neue Existenz aufbaute. Achtundzwanzig Jahre, die meisten davon alleine, musste er warten, bis er in seine Heimat zurückkehren konnte.

Der Inhalt des Romans ist rasch erzählt: Ein Schiff gerät in einen Sturm, zerschellt am Riff vor einer einsamen Insel, und der junge Engländer Robinson Crusoe kann sich als Einziger an den Strand retten. Die ersten Tage verbringt er damit, alles Nützliche aus dem Wrack an Land zu bringen und sich ein behelfsmäßiges Quartier zu schaffen. Was folgt, ist die Geschichte der Menschheit im Zeitraffer: Robinson schlägt sich anfangs als Jäger und Sammler durch, später wird er Ackerbauer und Viehzüchter. Er baut sich einen befestigten Wohnsitz und eine Sommerresidenz im Hochland der Insel, bestellt Getreidefelder, züchtet Ziegen und erntet Obst.

Freitag, der Knecht

Das Einzige, was er im Überfluss hat, ist Zeit - und so kann er im Lauf der Jahre in unzähligen Versuchen immer mehr Techniken wie das Töpfern oder die Metallbearbeitung erlernen. Doch als sich Robinson nach Jahren des Schuftens auf der Insel etabliert hat, sein Leben einen geregelten Ablauf und geradezu idyllische Dimensionen annimmt, wird es erschüttert: Robinson findet den Fußabdruck eines Menschen im Sand. Ein Größenvergleich macht ihn sicher: der Abdruck stammt nicht von ihm.

Voller Angst vor Kannibalen flüchtet Robinson in seine Festung und schon bald wird seine Befürchtung wahr, denn er entdeckt "Wilde", die auf seine Insel kommen, um hier Menschen zu töten und zu verspeisen. Robinson gelingt es, einen Gefangenen der Kannibalen vor diesem Schicksal zu retten. Der Befreite bleibt bei ihm, wird Freitag genannt und sorgt dafür, dass Robinson nach langen Jahren der Einsamkeit endlich wieder jemanden hat, mit dem er reden kann. Trotz der Freude über den neuen Gefährten war von Gleichberechtigung zwischen den beiden aber keine Rede. Die Denkweise des 18. Jahrhunderts spiegelte sich im Verhältnis zwischen ihnen wider: so war Robinson ganz selbstverständlich der Herr, Freitag der Knecht.