Sein Gefühl täuschte ihn nicht, das Schiff sollte bald darauf untergehen. Seine Kameraden hatten ihm vor der Abreise das, was zum Überleben notwendig war - Waffen, Werkzeug, einige Vorräte - hinterlassen, und Selkirk konnte damit jagen und sich eine Unterkunft bauen. Sein Leben auf der Insel war aber alles andere als idyllisch. Nachts knabberten Ratten an ihm, durch die Einsamkeit verfiel er in Depressionen, stand kurz vor dem Selbstmord und verlernte beinahe die menschliche Sprache. Nach vier Jahren und vier Monaten wurde Selkirk von der Besatzung eines britischen Schiffes aufgelesen, er gab bei seiner Rettung aber ein dermaßen verwildertes Bild ab, dass die Matrosen ihn anfangs für ein Ungeheuer hielten und auf ihn schießen wollten.

Erfolg & Kritik

In London sorgte Selkirks Rückkehr für Aufregung und inspirierte mehrere Schriftsteller zu Erzählungen über sein einsames Inselleben, doch erst Daniel Defoe gelang es, aus diesem Stoff einen Bestseller zu schaffen. Die erste Auflage war binnen kurzer Zeit vergriffen, Nachdrucke und Übersetzungen folgten rasch. Defoe schwamm auf dieser Erfolgswelle und veröffentlichte bald einen zweiten und dritten Band über Robinsons Abenteuer.

Der wirtschaftliche Erfolg war Defoe sicher, aber sein Buch über den Schiffbrüchigen wurde auch kritisiert, denn die Leser fanden viel Widersprüchliches darin. Einer der vehementesten Kritiker war der Schriftsteller Charles Gildon. Er veröffentlichte ein fiktives Gespräch zwischen Robinson, Freitag und deren Schöpfer Defoe, in dem er allerlei fragwürdige Elemente des Buches aufzählt. Davon gibt es genug. So ernährt sich Robinson von Pflanzen, die nicht in den Tropen wachsen, und verfügt auch zwanzig Jahre nach dem Schiffbruch noch über ausreichend Vorräte.

Dazu kommen logische Fehler: So zieht sich Robinson vor dem Schwimmen seine Hosen aus, stopft alsdann aber Fundstücke in die nicht vorhandenen Hosentaschen. Auch Robinsons Gefährte Freitag bleibt von solchen Widersprüchen nicht verschont: Wohl lernt er innerhalb kürzester Zeit die Grundkenntnisse der englischen Sprache, macht danach aber keinerlei Fortschritte mehr und bleibt über Jahre auf demselben kümmerlichen Niveau. Am Ende der Konversation sind Robinson und Freitag schließlich dermaßen über ihren Erfinder erbost, dass sie ihn zwingen, sein eigenes Werk (alle Bände!) zu verspeisen.

Mythos Robinson

Während der Großteil von Defoes Schriften tagesaktuelle Themen zum Inhalt hatte und in Vergessenheit geriet, ist die Erzählung von Robinson Crusoes Abenteuern ein Werk, das bis heute überdauert, sich vielfältig interpretieren lässt und unterschiedliche Spuren hinterlassen hat. Die Robinsonade wurde zu einem eigenen literarischen Genre, das Verlorene und Vergessene zum Thema hat, und die Sehnsucht nach Sonne und Strand kann man heute in Ferienanlagen stillen, die nach Robinson benannt wurden.

Defoe gelang es mit seinem Buch, einen Mythos zu schaffen, der weltweit bekannt ist, auch bei all jenen, die das Buch nicht gelesen haben. Robinson steht für mehr als nur eine Romanfigur, er ist der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch, der das Verhältnis zu sich und der Natur, die ihn umgibt, definieren muss.

Viele unterschiedliche Fragen kommen in Defoes Werk zur Sprache: Kann ein Mensch alleine überleben? Ist die Gesellschaft notwendig oder verdirbt sie das Individuum? Wie ist das Verhältnis des Menschen zur Natur? Die religiöse Entwicklung von Robinson wird in diesem Buch ebenso thematisiert wie der Kolonialismus und das Verhältnis von Europäern zu den Einwohnern anderer Kontinente.

Bei all den großen Fragen, die das Buch aufwirft, bleibt der eher durchschnittliche Mensch Robinson im Mittelpunkt. Er ist weder Held noch Versager, sondern ein eigentlich unauffälliger Mann, der durch die Umstände in eine außergewöhnliche Situation verschlagen wurde. Vielleicht macht aber gerade das den Reiz des Romans aus, denn jeder Leser kann sich mit dem Titelhelden vergleichen. Wie würde man sich selbst wohl auf einer einsamen Insel durchschlagen? Was würde man wie Robinson machen, wo würde man anders handeln? So bleibt es ein zeitloses Buch, das auch nach dreihundert Jahren lesenswert ist und den Leser träumen lässt.