Nicht jedes Buch kann man nebenbei lesen . . .

Ich würde bei einer solchen Veranstaltung davon erzählen, dass es Weihnachten vor 34 Jahren war, als ich nur einen Wunsch hatte: "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. Weil ich vom Film gehört hatte. Weil Drachen drin vorkommen sollten. Weil dieses eine Buch endlich alle meine Wünsche erfüllen sollte, ein Buch, in dem immer noch mehr Geschichten darauf warteten, entdeckt zu werden, ein unendliches Buch, sich immer weiter ausbreitend, sich immer weiter fortspiralisierend, eines, mit dem ich mein ganzes Leben lang auskommen könnte. Und ich habe das Geschenk ausgepackt und gejubelt wie ein Kind, das ich war, und ich habe die ganze Nacht lang gelesen und es waren meine schönsten Weihnachten mit Bastian und Atréju, mit Fuchur und der kindlichen Kaiserin, mit Atréjus Pferd Artax, das in den Sümpfen der Traurigkeit versinkt und stirbt, und natürlich habe ich dabei wieder geweint. Es ist dieses wunderbare Buch, in dem der Satz vorkommt:

Wer niemals offen oder im Geheimen bittere Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen mußte von den Gestalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte, und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien -.

Würde man mich fragen, ob ich vielleicht bei der Eröffnung einer Schulbibliothek ein paar Worte sagen möchte, dann würde ich den jungen Menschen dort sagen: Wikipedia bringt Euch nicht zum Heulen. Eine Google-Suche hinterlässt bei Euch keine Erinnerung fürs ganze Leben. Lasst es Euch nicht nehmen, scheinbar grundlos in einer anderen Welt, der Welt eines Buches, zu versinken.

Lasst Euch schon gar nicht einreden, zu lesen sei anstrengend. Auch Radfahren ist anfangs nicht leicht, aber irgendwann kann man es so gut, dass man nicht mehr darüber nachdenken muss. Man tut es einfach und freut sich daran. Und wenn man es nicht getan hat, weiß man nicht, was es bedeutet. Es wird nicht einfach sein. Nicht jedes Buch wird mit Euch eine Beziehung eingehen. Nicht jedes Buch wird Euch das Wasser in die Augen treiben. Nicht jedes Buch hat es in sich, dass Ihr Euch wünscht, es möge niemals aufhören.

. . . eingequetscht zwischen WhatsApp und Snapchat

Nicht jedes Buch kann man nebenbei lesen, eingequetscht zwischen WhatsApp und Snapchat. Lasst Euch vor allem von niemandem einreden, es reiche, sinnerfassend zu lesen. Fürchtet Euch vor den kurzen Sätzen, misstraut den Gebrauchsanweisungen für ein simples Leben, wehrt Euch gegen alles, was Euch vorgedacht und vorgekaut wird, und lest und denkt selbst. Lasst es nicht zu, dass Euer Leben zu einem Kompetenzcheck wird. Das würde ich den jungen Menschen sagen.

Und den älteren Menschen würde ich sagen, würde ich bei der Eröffnung einer Schulbibliothek auftreten, was nicht vorkommen wird, weil Schulbibliotheken out sind, weil Laptopklassen und Digitalisierung und Leistungspotenziale in sind, weil Berufsorientierung und Medienkompetenzen zählen - ich würde, falls ich jemals noch die Gelegenheit hätte bei der Eröffnung einer Schulbibliothek etwas zu sagen, den älteren Menschen zurufen: Ihr sollt als gutes Beispiel vorangehen! Lasst Euch nicht einreden, dass Ihr keine Zeit mehr habt, um zu lesen. Streicht folgende Ausreden aus Eurem aktiven Sprachschatz: Ich würde ja gerne, aber mir fehlt die Zeit, auf meinem Nachttischkasten liegen schon so viele Bücher, ich komm einfach nicht mehr dazu: Bullshit. Schaltet endlich Eure beschissenen Smartphones ab und fangt wieder an zu lesen. Richtige Bücher. Man findet sie in den Bibliotheken. Solange es diese noch gibt.