Eine Frau, die sich 1872 als Kopfgeldjägerin im Wilden Westen durchschlägt und noch dazu lesbisch ist - da kann es nur zu Komplikationen kommen. Vor allem, wenn das Ganze dezidiert als lesbischer Genre-Roman angelegt ist. Allerdings merkt man das Towander Flaggs "Der Galgen fragt nicht, welcher Hals" nur bedingt an.

Denn auch der unbedarfte männliche Hetero-Leser, der vielleicht den Subtitel "Ein Revulva Western" weniger feministisch angehaucht, sondern eher wienerisch gelesen hat, kommt auf seine Kosten, wenn die Protagonistin Annie Goodlick (ein Schelm, wer im Namen eine Anspielung liest) von ihrer wilden Jagd auf eine gesuchte Schwerverbrecherin quer durch Nebraska erzählt. Dass sie dabei auch im Bett einer Prostituierten landet, mag den einen oder anderen aufgeilen, stört aber umgekehrt die übrigen Leser wohl nicht wirklich. Zumal die Autorin sich auch vor allzu intimen Details hütet und die Szene eher genauso als gesellschaftspolitisches Statement zu sehen ist wie die langen Hosen und das Hemd, das die Kopfgeldjägerin trägt. In bester Karl-May-Manier erzählt Towander Flagg nicht nur von der Schönheit (je nach Ansichtssache) der Prärielandschaft, sondern entwickelt auch einerseits richtige Wildwest-Duellsituationen und andererseits plastische Charaktere.

Auch sprachlich orientiert sie sich am 19. Jahrhundert, mit einer eigenartigen Mischung aus gestelzter Hochsprache und vulgärem Slang. Diese, erklärt sie auf Nachfrage der "Wiener Zeitung", sei den historischen Gegebenheiten geschuldet: "Einerseits galt ausholende Sprache, mit vielen Einschüben und mitunter komplizierter Grammatik, die den Verstand des Gegenübers herausgefordert hat, in den USA im 19. Jahrhundert als erstrebenswert, um die eigenen Intelligenz anzuzeigen. Andererseits gab es im nicht gehobenen Milieu einen starken Hang zur Verwendung vor allem von 'fuck' und anderer Kraftausdrücke." So folgt also in "Der Galgen fragt nicht, welcher Hals" mitunter auf einen mehrere Zeilen langen, verschraubten Schachtelsatz, ein simples "Fick dich".

Einzig ein von der Autorin absichtlich eingebauter Gag geht nicth wirklich auf: Sie hat nämlich an manchen Stellen versucht, ihren deutschen Text wie eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen aussehen zu lassen (besonders an der Position des Wortes "hier" erkennbar, das meist falsch steht, wie "in diesen hier Gefielden" - als wäre dort im englischen Original "in these here parts" gestanden). Das wirkt beim Lesen eher irritierend als unterhaltsam. Da es aber gut gemeint war, ist Towander Flagg sicher dankbar, wenn der geneigte Leser einfach darüber hinwegliest und sich keine weiteren Gedanken darüber macht.

Eine Überraschung am Ende

Ihr Weiber-Western (im besten Sinn) kommt jedenfalls erfrischend derb, zwischendurch prosaisch und wildromantisch daher und lässt auch inhaltlich nichts zu wünschen übrig. Abgesehen von ein paar etwas langatmigen Rückblenden, in denen sich Annie Goodlick an die Härten der Nonnenschule erinnert, tut sich alle paar Seiten etwas, wenn sie zuerst den Auftrag annimmt, die gesuchte Revolverheldin Mary Dippin zu fangen, diese dann tatsächlich erwischt - und auf dem Weg zum Richter in Sioux City ins Grübeln kommt, wie böse denn die Böse tatsächlich ist. Was dabei herauskommt, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur, dass das Ende eine Überraschung bereithält - und die Möglichkeit eines weiteren Bandes - der bereits in Arbeit ist . . .

Towander Flagg: Der Galgen fragt nicht, welcher Hals
Querverlag; 199 Seiten; 16 Euro