"Es gibt vielleicht auf der ganzen Welt kein anderes Beispiel eines solch universalen Geistes, der gleichzeitig so unfähig war, sich selbst zufriedenzustellen, so voller Sehnsucht nach dem Unendlichen".

Diese Beschreibung von Leonardo da Vinci, die der französische Schriftsteller Hippolyte Taine vornahm, ist charakteristisch für die vorherrschende Sichtweise des Künstler-Philosophen. Er verkörpert das Universalgenie der Renaissance, dessen gesamtes Werk als Höhepunkt einer Epoche gilt, in der die Veredelung des Menschen eine wesentliche Rolle spielte. Der Maler der "Mona Lisa", des "Letzten Abendmahls" in der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie, der Zeichner des ideal proportionierten Menschen, der Konstrukteur von Flugapparaten und Kanälen, der Verfasser von philosophischen Überlegungen, der unterschiedlichste Phänomene erforschen wollte, wurde zu einer mythischen Figur.

Diese verklärende Sichtweise Leonardos als Universalgenie ist in dieser Form nicht länger aufrechtzuerhalten. Sie ist das Ergebnis einer bestimmten historischen Formation, wie Eike Schmidt - Direktor der Uffizien in Florenz (und zukünftiger Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien) - im Gespräch ausführt: "Man muss das im Sinne des Geniekultes des 19. Jahrhunderts sehen - in dem Leonardo zum Universalgenie stilisiert wird, das sich den normalen menschlichen Maßstäben entzieht."

Anlässlich Leonardos 500. Todestages haben führende Renaissance-Experten wie Volker Reinhardt und Bernd Roeck umfangreiche Biografien vorgelegt, die diesen Mythos dekonstruieren. Ein sorgfältiges Quellenstudium - speziell der Notizbücher - zeigt Leonardo als einen eigenwilligen Künstler, der gegen zahlreiche zeitgenössische Konventionen verstieß. Leonardo verstand sich als experimentierender Ausnahmekünstler, der gemäß seinen eigenen Maximen lebte.

Der in Fribourg lehrende Historiker Volker Reinhardt verweist in seiner Biografie "Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt" darauf, dass bereits zu Lebzeiten des Künstlers der Vorwurf erhoben wurde, dass seine zahlreichen Naturstudien ihn dazu geführt haben, sich ketzerisch über die christliche Religion zu äußern; lieber sei er Naturphilosoph als Christ gewesen. Ein weiterer Vorwurf betraf seine Unzuverlässigkeit. Er sei ein verbummeltes Genie, unfähig, Auftragsarbeiten, die er angenommen habe, auch auszuführen.

Die Biografie Leonardos weist zahlreiche Lücken auf. Geboren wurde er am 15. April 1452 als unehelicher Sohn eines Notars und einer Bauerntochter. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt, außer, dass er bei seinem Großvater aufwuchs und nach dessen Tod um 1469 mit seinem Vater, der nunmehr eine legitime Ehe führte, nach Florenz zog. Für den Jugendlichen, dessen große Leidenschaft das Zeichnen war, begann ein neuer Lebensabschnitt. Der Vater, mittlerweile ein renommierter Notar, erkannte das Talent seines Sohnes und verschaffte ihm eine Lehrstelle in der Werkstatt des Malers und Bildhauers Andrea del Verrocchio.