Figuren, die ins Schwitzen kommen: Der Autor und Musiker Andreas Kump. - © Udo Titz
Figuren, die ins Schwitzen kommen: Der Autor und Musiker Andreas Kump. - © Udo Titz

Die erste Klammer wird von der Sauhitze gebildet. Die hat einst schon bei "Falling Down - Ein ganz normaler Tag" mit Michael Douglas einen Amoklauf durch Los Angeles entschieden begünstigt. Und dass den Leuten da draußen gerne einmal die Kabel durchbrennen, wenn sich die nicht von ungefähr auch als "gelbe Sau" bekannte Sonne wieder einmal besonders erbarmungslos gibt, ist hierzulande außer aus dem ganz normalen Alltagswahnsinn nicht zuletzt durch Ulrich Seidls Schelmenstück "Hundstage" von 2001 bekannt. Stichwort: "La Cucaracha!"

In Richtung Niedertracht oder gar Blutrausch (mit einer Ausnahme, in der es allerdings darum geht, mit ein paar Gnackwatschn im Kleinkriminellenmilieu der sogenannten Ehre gerecht zu werden) bewegt sich Andreas Kump mit seinem Debütroman allerdings nicht. "Über vierzig", dessen Titel zum einen die hochsommerlichen Saharatemperaturen in Wien und Linz und zum anderen das handelsübliche Jahrzehnt einer Midlife-Crisis adressiert, bringt uns fünf Hauptfiguren näher, die nicht nur aufgrund durchgeschwitzter T-Shirts und glühender Mauerschluchten buchstäblich im Leben festkleben: Roland wird von Panikattacken dazu gezwungen, Terminen großräumig auszuweichen und im Kongressbad der Tagesfreizeit beim Vergehen zuzusehen, während seine im Copyshop jobbende Frau Mona mit ihrer gescheiterten Künstlerexistenz hadert und es jetzt auch noch mit den Bürden des De-facto-Alleinerziehens zu tun bekommt.

Pia droht als Büroveteranin in ihrer Werbeagentur ausgebootet zu werden. Tommi blickt als Schuldeneintreiber auf stahlstadthartem Pflaster auf eine Zeit zurück, als die Sozialdemokratie noch mächtig und die VOEST Eigentümerin eines Fußballvereins war. Und Lesbos, dessen Kosename auf eine "Gibson Les Paul"-Gitarre zurückgeht, ist historisch auf den Lokalmatador mit der Linzer Band BH-Wert festgelegt, an die sich die jungen Leute von heute eher nicht mehr erinnern. Die Ironie aber will es, dass sich der Silberrücken in seiner aktuellen Rolle als Barhocker ausgerechnet in die junge Schankkraft verschaut, die seine Tochter sein könnte.

Andreas Kump hat mit seiner Band Shy (1991-2014) ein Stück heimische Popgeschichte geschrieben - noch lange, bevor vom "österreichischen Popwunder" die Rede war. Er hat den Linzer Underground in seiner Oral History "Es muss was geben" (Bibliothek der Provinz, 2007) verewigt und mit "Erstmals zurück - Das unglaubliche Aufstiegsrennen des FC Blau-Weiß Linz 2011" (Eigenverlag, 2012) auch seiner bevorzugten Fußballmannschaft ein Denkmal erbaut. Das damit verbundene Herzblut ist in "Über vierzig" ebenso eingeflossen, wie sich Kumps Erfahrungen in der Werbebranche in diesem kurzweiligen episodischen Langtext nicht nur zwischen den Zeilen spiegeln.

Der Entschluss, sich zu trennen, ein überraschendes und finanziell überzeugendes Angebot für eine Band-Reunion, die Wiederbegegnung mit einem verstrahlten Bekannten aus goldenen Tagen und ein zum Ausbruch taugender Aufbruch nach Urfahr bringen plötzlich Veränderung in den Alltag - und Tempo in die Erzählung. Wir haben es in "Über vierzig" nämlich definitiv nicht mit Mittlebenskrisen zu tun, die auf den Erwerb eines Ferraris und einen ersten Zwischenstopp in der nächsten Hausmauer zusteuern, sondern mit mitunter sentimentalen Blicken und leisen Zwischentönen einhergehen.

Es geht etwa um die Frage, wann, wo und warum man in ein Zeitloch gefallen ist und welche Kompromisse man unter den veränderten Rahmenbedingungen (nicht) gemacht hat - betrachtet nicht zuletzt über die Verweigerungshaltung von einst und das empfundene Freiheitsgefühl der 90er Jahre, dem das disziplinierte Gefüge einer längst leistungsorientierten Gegenwartsgesellschaft gegenübersteht. "Auch die Drogen waren andere gewesen. Damals ging es um Bewusstseinserweiterung, um Fantasie. Jetzt ging es ums Durchhalten."

Es regiert aber auch kein "Früher war alles besser" den Tonfall, sondern ein Zweifeln, das keinem denkenden Menschen mit den Jahren fremd sein wird. Darüber, dass der Krisenteufel in Zeiten der kollektiven Beschleunigung auch unter vierzig schon hart zuschlagen kann, dann ein andermal mehr.