Gerhard Roth ist scheinbar nicht zu stoppen. Nicht nur hat der 1942 geborene Schriftsteller aus Graz im Verlauf der letzten vierzig Jahre die imposante Leistung vollbracht, zwei kunstvoll miteinander verwickelte Romanzyklen im Umfang von sieben bzw. acht Bänden zu schreiben, gleichsam als Dreingabe arbeitet er seit einigen Jahren an einer Venedig-Trilogie. Im Jahr 2017 erschien mit "Die Irrfahrt des Michael Aldrian" der erste Teil, mit "Die Hölle ist leer, alle Teufel sind schon hier" ist nun das Zentralstück des Triptychons erschienen.

Der langatmige Titel ist ein Shakespeare-Zitat, nämlich aus "The Tempest", wie das Motto verrät. Es dient zugleich als literarischer Fingerzeig, denn das Drama um den Zauberer Prospero liefert eine Folie, vor der sich erkennbar die Handlung um den lebensmüden Übersetzer Emil Lanz abspult.

Vordergründig liefert der Roman wieder eine der von Roth bevorzugten Krimihandlungen, und wer "Die Hölle ist leer (. . .)" allein wegen der Intrigen, Verfolgungsjagden und Schießereien liest, in die Lanz verwickelt wird, nachdem er zufällig einen Mord unter rivalisierenden Schlepperbanden beobachtet hat, wird voll auf seine Kosten kommen. Dies gilt ebenso für alle die Serenissima liebenden Leser, denn die "Die Hölle ist leer (. . .)" glänzt durch Roths wie immer beeindruckend detailgenaue Schilderungen des Handlungsortes, basieren seine Reisebücher doch auf wiederholten Recherchereisen, wodurch den Romanen gleichsam ein Fundament der Wirklichkeit eingezogen wird.

Ganz gerecht wird man Roth aber nur, versteht man diesen zweiten Teil der Trilogie als einen "Verbrechensroman" (Roth), also als eine literarische Meditation über die rücksichtlose, brutale Natur des Menschen, der zur Erreichung seiner Ziele - im wortwörtlichen Sinne - bereit ist, über Leichen zu gehen. Diese negative Anthropologie verortet die Geschichte von den undurchsichtigen Machinationen, in die der Übersetzer Lanz verwickelt wird, im Roth’schen Erzählkosmos.

Durch zahlreiche verknüpfte Motive - beispielsweise das Schachspiel, die Bücherobsession, die Imkerei, die Wunder des Weltalls oder die Faszination des Wahnsinns -, aber auch durch die scheinbar nebensächliche Erwähnung der fiktiven Autorfigur Philipp Artner, Roth-Lesern bereits aus "Grundriss eines Rätsels" (2014) als ein Alter ego des Schriftstellers bekannt, wird auch das neue Buch eingeordnet in einen größeren Werkzusammenhang.

Dadurch wird auch klarer, warum Lanz selbst oftmals nicht mehr weiß, was er getan hat, warum er wie eingespannt in ein fremdbestimmtes Räderwerk handelt oder wo die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit liegt - er ist nämlich eine Spielfigur in der komplexen Erzählwelt des Gerhard Roth, die sich wiederum einfügt in die große Tradition der Kunst-, Kultur- und Literaturgeschichte.

Wirbelsturm

So ist der Wirbelsturm, der vernichterisch über Venedig hereinbricht und Lanz in eine Kirche flüchten lässt, natürlich ein Verweis auf den Sturm aus Shakespeares gleichnamigem Theaterstück. Hinter dem Falkner mit dem sprechenden Namen Richard Vogel verbirgt sich der Luftgeist Ariel.

Hinter den afrikanischen Migranten wiederum, deren trauriges Los von Roth geschildert wird, steht archetypisch Caliban, während der mysteriöse Multimillionär Egon Blanc, der im Hintergrund der undurchschaubaren Vorgänge in Venedig die Fäden zieht, niemand anderes sein kann als der Zauberer Prospero. Doch zugleich lässt sich das Handlungspersonal von "Die Hölle ist leer, alle Teufel sind schon hier" nie simplifizierend zurückrechnen auf die literarische Vorlage: Gerhard Roth hat mit seinem neuen Roman ein eigenständiges Erzählwerk geschaffen, das sich auf vielfältige Weise lesen lässt.