In Arno Schmidts Monumental-roman "Zettels Traum" findet sich ein schöner Satz über die Wirkmächtigkeit des Erzählens: "Überlebm wird Der, der noch aus jeder Cat"astrophe <1 Geschichte> machen kann", heißt es dort in der für Schmidt typischen eigenwilligen Orthographie. Dass Literatur Leben retten kann, dafür steht vor allem ein großer Klassiker der Weltliteratur: die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Darin erzählt Scheherazade dem persischen König Nacht für Nacht Geschichten, die ihn so sehr fesseln, dass er am Ende darauf verzichtet, die Jungfrau wie all die anderen vor ihr umbringen zu lassen.

Kamel Daoud liefert in seinem neuen, seinem zweiten Roman eine interessante Variante dieser Überlebenstechnik namens Literatur. Hier erzählt ein Mann namens Ismael nicht um sein eigenes Leben, sondern er besitzt die Fähigkeit, das Leben Sterbender zu verlängern - und zwar indem er über sie schreibt. "Schreiben ist die einzig wirksame List gegen den Tod. Die Leute haben es mit dem Beten, den Medikamenten, der Magie, den Versen in endlosen Schleifen oder mit Bewegungslosigkeit versucht, aber ich bin wohl der Einzige, der die Lösung gefunden hat. Und ich habe angefangen zu schreiben (. . .), geleitet von der klaren Entscheidung, eine Demonstration meiner Gabe zu geben und triumphierend wegzugehen, wie jedes Mal, wenn man mich gerufen hatte, um der letzten Seite eines Lebens mit einer von meiner Hand geschriebenen Seite zu begegnen."

Ismael, der sich selbst Zabor nennt, ist knapp dreißig, unverheiratet, nicht beschnitten, an den Rezitationen in der Koranschule wenig interessiert und nicht nur deshalb ein eher ungeliebter Außenseiter in einem algerischen Dorf.

Aber er kann lesen und vor allem schreiben, und weil man um seine besondere Gabe weiß, wird er, wenn gar nichts mehr zu helfen scheint, zu den Sterbenden gerufen. 5436 Hefte hat er vollgeschrieben und so dafür gesorgt, dass die Zahl der Hundertjährigen im Dorf erstaunlich hoch ist. Nun liegt sein eigener Vater im Sterben. Er wird so lange weiter atmen, solange Zabor uns davon erzählt, wie er zu seiner bemerkenswerten Fähigkeit gekommen ist.

Und so erzählt Zabor in diesen Heften, die am Ende den hier vorliegenden Roman bilden werden, von sich, von seinem Vater, dem Fleischer, von seiner Tante, die ihn nach dem frühen Tod der Mutter zu sich nahm, und von seinem Großvater, an dessen Sterbebett Zabor erstmals die Macht der Sprache entdeckte. Daouds Roman gleicht einem unablässigen Redestrom und führt damit in gewisser Weise das, wovon er erzählt, eindrücklich vor Augen. Es ist ein hochpoetisches Buch, voller lebenskluger Abschweifungen und literarischer Anspielungen, voller wunderbarer Sätze, die Claus Josten sagenhaft gut ins Deutsche übertragen hat.