Bei diesem Roman gilt es, Thema und Durchführung sauber zu trennen. Und das schon deshalb, weil die bisher erschienenen Kritiken in eigentümlicher Vermischung das eine für das andere nahmen, und das Lob für jenes, das Thema nämlich, auch gleich mit über diese, also die Durchführung ausschütteten. So einfach ist die Sache freilich nicht.

Das Thema ist fesselnd, und man fragt sich, wieso der Schwede Ingvar Hellsing Lundqvist es entdeckte und nicht ein geografisch und kulturell viel näherstehender Autor aus dem deutschsprachigen Raum. Denn "Wie man ein Genie tötet" ist ein Künstlerroman, dessen Protagonisten Hans Rott, Anton Bruckner und Johannes Brahms heißen. Das Geschehen hat sich tatsächlich so zugetragen.

Das sind die Fakten: Hans Rott träumt von einer neuartigen Symphonie. Sie soll ein Klanggebilde mit philosophischem Inhalt sein, durch Geste und Zitat den Menschen mit dem Kosmos verbinden, gleichsam das faustische Streben in Musik verwandeln. Rotts Orgellehrer Anton Bruckner erkennt das außergewöhnliche Talent. Bruckner erkennt, dass Rotts Ideen seine eigenen transzendieren. Johannes Brahms ist ein erklärter Gegner Bruckners. Für Brahms ist Musik nur Musik Als Rott im Jahr 1880 seine E-Dur-Symphonie für ein Staatsstipen-dium vorlegt, gerät er zwischen die Fronten. Die Kommission wird von Brahms und seinem Parteigänger, dem Kritiker Eduard Hanslick, dominiert.

Brahms ist nicht nur Rotts ästhetischer Ansatz zuwider, er fühlt sich von dem jungen Komponisten obendrein verhöhnt, weil ein Thema der Symphonie offenbar ironisch auf ein Thema Brahms’ anspielt. Brahms und Hanslick demütigen Rott mit voller Absicht.

Der ohnedies labile Komponist erholt sich davon nicht mehr, er steigert sich in einen Verfolgungswahn. Auf einer Bahnfahrt im Jahr 1881 erleidet er den endgültigen geistigen Zusammenbruch, er sieht überall Agenten von Brahms, die ihn verfolgen, glaubt, dass Brahms den Zug mit Dynamit vollgeladen hat, um ihn zu töten. Rott wird in die Niederösterreichische Landes-Irren-Anstalt überstellt, die Diagnose lautet: Verrücktheit, halluzinatorischer Verfolgungswahn. 1884 stirbt Rott nach mehreren Suizidversuchen im Alter von 25 Jahren in der Irren-Anstalt. Gustav Mahler, Rotts Freund und Kollege in der Kompositionsklasse, greift die Ideen auf, zumindest seine Erste und Zweite Sinfonie sind deutliche, wenngleich nicht als solche ausgewiesene Hommagen an den Freund.

Das Referieren der historischen Ereignisse darf diesen sonst ungebührlichen Platz beanspruchen, weil diese gleichzeitig den Inhalt von Lundqvists Roman bilden. Zusammen mit den materiellen Nöten des jungen Komponisten und einer zerbrechenden Liebesgeschichte ist das ausreichend Material für rund 300 Seiten, die man in ein paar Tagen auch dann mit Spannung liest, wenn man sich von den eintönigen Kurzsätzen und einem Stil, der an die Sprache keinen höheren Anspruch stellt als den, korrekt zu sein, im Grunde längst angeödet fühlt.

Puppentheater

Lundqvist erzählt in der dritten Person, bleibt aber ganz nahe an seinem Protagonisten Hans Rott. Und damit zur Durchführung und dem Problem dieses Romans: Außer Rott gewinnt keiner der Protagonisten Konturen. Es bleibt bei bloßen Behauptungen, die der Leser Lundqvist abnehmen muss: Brahms ist böse - ein wenig Motivation schiebt ihm Lundqvist unter, gerade genug, um seine Handlungsweise oberflächlich zu motivieren, aber zuwenig, um sie zu begründen. Hanslick ist unmotiviert böse, auf der anderen Seite ist Bruckner unbegründet gut. Rott steht inmitten eines Puppentheaters, dessen Figuren weder Gesichts- noch Charakterzüge haben.

Vor allem aber ist der Roman entwaffnend simpel gebaut: Alle Figuren gruppieren sich um Rott als tragische Gestalt im Zentrum. Einen anderen Blickwinkel verweigert Lundqvist. Es gibt weder subjektive Wahrnehmungen noch psychologische Interpretationen, im Grunde nichts, was über eine erzählerisch ausformulierte Hans- Rott-Biografie hinausginge.

Solche Künstlerromane hat es bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts und wohl noch darüber hinaus zuhauf gegeben: Van Gogh und Bruckner, Michelangelo und Leonardo da Vinci und Rubens, Wagner und Verdi, Beethoven und Mozart, Goethe und Schiller und Büchner - alle Leben wurden, mit Dialogen und auserzählten Begebenheiten angereichert, zum Roman gemacht. Und jetzt kommt, zugegebenermaßen wenigstens halbwegs spannend erzählt, Hans Rott dazu. Freilich wäre ihm auch als Romangestalt ein glücklicheres Ende zu wünschen gewesen.