Zu einer "nach wie vor singulären, unerklärten Gestalt" hat der Schriftsteller W.G. Sebald seinen Schweizer Kollegen Robert Walser erklärt, und bei aller Stilisierung trifft das den Kern. Walser ist ein wundersamer Autor, ein Dichter des Diminutiven, der von der Peripherie aus zeitlebens versucht hat, sich seinen Platz im Zentrum zu erobern. Vergebens. Erst in der Retrospektive hat man erkannt, dass er ein ganz Großer war. Zu verdanken ist das einer Reihe von Fürsprechern, angefangen mit Walter Benjamin, wie auch dem Suhrkamp Verlag, der sich mit aufwendigen Editionen um Robert Walser verdient gemacht hat. Nun kommt dort die - im Auftrag der Robert Walser-Stiftung erarbeitete - neue Berner Ausgabe der Werke heraus.

Zum Auftakt ist eine dreibändige Edition der Briefe Walsers erschienen, die den bisher bekannten Bestand deutlich erweitert. Es sind nun 764 Briefe (sowie knapp 200 Schreiben an Walser) zugänglich, was den Umfang der letzten Briefausgabe von 1975 deutlich erweitert. Allerdings: Es gibt keine veritablen Sensationen oder Entdeckungen unter den neuen Schreiben. Das meiste ist Geschäftskorrespondenz mit Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen, wodurch freilich Walsers verzweifeltes Ringen um Publikationsmöglichkeiten und seine Etablierung als freier Schriftsteller noch schärfer hervortritt.

Die Werkausgabe mit den Briefen zu beginnen ist sinnvoll: eine Annäherung an Walsers Literatur kann nur über die Biografie erfolgen, bilden doch Werk und Leben bei ihm eine Einheit. Wie etwa auch bei Kafka, setzt sich das Leben des Autors in seinen Briefen fort, jener anderen Bühne des Schreibens, auf der er seine Existenz mit derselben Verve in Literatur überführt, mit der er im weitgehend autobiografischen Werk sein mühevolles Leben in leichtfüßige Prosa verwandelt. Genau darum sollten wir zu Walser Büchern greifen: Nicht nur war er ein "Hellseher im Kleinen" (Elias Canetti), sondern er verstand es, aus Ephemerem etwas Haltbares zu machen; Walser konnte die ihm auferlegte Last in Levitation verwandeln und Erniedrigungen wie Niederlagen mit der Kraft seiner Worte in literarische Triumphe ummünzen.

"Ich habe Hunger! Und immer, wenn ich Hunger habe, gelüstet es mich, einen Brief zu schreiben", liest seine Schwester Lisa im Juli 1897. Diese geradezu körperliche Lust an der brieflichen Kommunikation ist spürbar, vor allem in der oft recht intimen Privatkorrespondenz mit Adressatinnen, in der Walser mit verblümt-unverblümter Offenheit in erotischen Dingen vorgeht. Wie Kafka war Walser ein dauerhafter Junggeselle, der sich nie hat binden können (oder wollen), weshalb die galanten Briefe an Frieda Mermet oder Therese Breitbach so etwas wie sexuelle Ersatzhandlungen mit Worten darstellen.

Ergreifend seine Schreiben an Schwester wie Bruder, in denen Walser seine materielle und seelische Not mit selbstironisch-trotzigen Formulierungen überspielte. Walser war zu Lebzeiten der literarische Ruhm verwehrt geblieben. Heute ist er ein zeitgemäßerer Autor als viele seiner Zeitgenossen.