Unprätentiös und aufklärerisch: Gerhard Deiss. - © Jorghi Poll
Unprätentiös und aufklärerisch: Gerhard Deiss. - © Jorghi Poll

Der Diplomat Gerhard Deiss hat sich mit seiner Pensionierung 2015 vermehrt der Komposition und dem Schreiben zugewandt. In seinem Buch "Rückkehr nach Europa" erzählt er von einem Österreicher, der nach einer Autoüberstellung nach Westafrika in Dakar landet und aufgrund persönlicher, durch seine Herkunft bedingter Konflikte aber auch wegen beruflicher Miseren wenig Motivation entwickelt, wieder in die sogenannte Heimat zurückzukehren.

Nachdem das Geld rasch verbraucht ist, taucht der von den Einheimischen Mamadou genannte Protagonist ein in die harte Welt der Bettler. Ist das Betteln schon in Europa kein überzeugendes Geschäft, so hat diese Form der Geldbeschaffung im Senegal noch weniger Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Schon gar nicht, wenn sich ein Weißer darin versucht.

Was Mamadou am Ort hält, ist vor allem die Route de la Corniche, die Küstenstraße, mit ihrer Atmosphäre aus schroffer Härte und tosendem Atlantik. Dieses Faszinosum vermittelt der Text; hier kann der Lesende dem Protagonisten nah sein. Das Hauptmanko des als Roman titulierten Buches ist die fehlende Figurenführung. Der Held dient zu oft als Botschafter der kulturellen Besonderheiten Westafrikas. Zwar erfährt man Lohnendes über Sprachen wie Wolof, über idiomatische und kulturhistorische Eigenheiten. Doch der ehemalige Diplomat Deiss bringt sich zu sehr ein und nimmt seinem Helden damit den Atem, eine eigenständige Figur zu werden.

Die Identifikation mit einem Charakter, dem es an Komplexität mangelt, fällt schwer. Vor wem doziert Mamadou? Wem erzählt er eigentlich seine Geschichte?

Am stärksten erweist sich das Kapitel über die Rückkehr nach Europa. Hier dreht Deiss das Narrativ um: nicht der Afrikaner will obsessiv nach Europa, sondern der Europäer bemüht sich um seine Rückreise. Widerwillig allerdings, weil er trotz seiner desaströsen ökonomischen Situation in der Welt Senegals genau richtig am Platz zu sein scheint. Doch die Gesundheit des Wieners ist so angegriffen, dass ein längerer Aufenthalt in Dakar den sicheren Tod bedeuten würde. Überdies droht dem Bettler die Verhaftung.

Gemeinsam mit seiner senegalischen Freundin Coumba sucht er zunächst den legalen Weg zurück nach Europa. Da man der Senegalesin aber das Visum verweigert und Mamadou nicht die Absicht hat, allein zurückzukehren, gibt es keine Alternative zur Flucht.

Stilistisch finden sich in dem Roman etliche Passagen, die an eine literarische Reportage erinnern. Ein eigener, avancierter Erzählton oder sprachlich raffinierter Duktus ist offenbar nicht das Ziel des Autors. Es gibt wenige Bilder, die tatsächlich berühren oder intellektuell überraschen. Am eindrücklichsten geraten die Szenen an Bord des Flüchtlingskahns Ada Bintou. Hier trifft in a nutshell die ethnische Durchmischung Westafrikas aufeinander. Religiöse und soziokulturelle Unvereinbarkeiten treten zutage und bilden überzeugend die Dilemmata in diesen Ländern mit starker Transformation ab.

Unprätentiös und aufklärerisch bringt Deiss hier die Mischung aus Erlösungsphantasien, moralischer Indoktrinierung, politischer wie wirtschaftlicher Not und archaischem Erbe zum Ausdruck, die viele Afrikaner zur Flucht drängt. Angesichts der demographischen Perspektive ihres Kontinents dürfte das Buch kaum an Aktualität verlieren.

Eine reizvolle erzählerische Idee ist die Begegnung Mamadous mit dem Journalisten Bill Hooper, der die Überfahrt dokumentieren will und sich davon Lorbeer und Pecunia erhofft. Doch Mamadous Berichte scheinen die Erwartungshaltung des britischen Korrespondenten zu unterlaufen. Während dieser reißerische Geschichten hören will, liefert Mamadou einfache Schilderungen des Schiffsalltags, konfliktreich zwar, aber nicht aus antikem Heldenstoff gemacht.

Erzählungen des Griot

Viel näher gehen da die Erzählungen des Griot an Bord. Unter einem Griot versteht man in Westafrika einen Sänger oder Dichter, der seine Texte mündlich vorträgt. Hier wird en passant Kritik am europäischen Logozentrismus geübt.

Heroisch geht auch diese Reise nicht zu Ende. Man weiß nicht, wo der Held, metaphorisch gesprochen, landen wird. Die Hoffnung jedenfalls scheint auf dem Weg versunken zu sein. Einmal noch träumt Mamadou von Senegal, der Corniche, den staubigen Straßen, der Savanne, den Wurzelhöhlen und seinem wohligen Heimisch-Sein als Fremder - als Toubab.