Viele Kafka-Experten träumen nächtens von Dachböden. Einerseits ist laut Kafkas Erzählung "Der Process" der Dachboden jener Ort, an dem sich femeartige Gerichte nach einem unbekannten Strafrecht versammeln. Andererseits finden sich auf exponierten Mansarden mitunter verstaubte Kisten mit Archivmaterial und Briefen, die womöglich von Kafka stammen. Manche dieser Dachböden existieren nur virtuell, wie das geheimnisumwitterte "Max-Brod-Konvolut", das sich in Schließfächern und einer Wohnung in Tel Aviv befand.

Benjamin Balint schildert, wie der mit dem Ehepaar Hoffe befreundete, verwitwete und kinderlose Autor des "Prager Kreises" seine Sekretärin zu Lebzeiten mit Kafka-Manuskripten beschenkte und ihr sein gesamtes Archiv vererbte (Brod verstarb 1968 in Tel Aviv, Anm.). Als das Bezirksgericht in Tel Aviv der 1905 in Troppau (Österreichisch-Schlesien, k.u.k. Monarchie, heute Opava in Mähren, ČSR) geborenen, einst "Ilse" gerufenen Ester Hoffe den Erbschein ausstellte, schien alles gelaufen. Aber Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich, vor allem nicht, wenn es aus dem tieftraurigen Kafka-Erbe stammt. Das bekam die Erbin, plötzlich von allen Seiten bewacht, bald zu spüren. Einmal wurde sie mit Kopien am Flughafen verhaftet, dann verhängten die Behörden ein Ausfuhrverbot.

In kafkaesker Weise strahlt das Konvolut bis heute seine negative Aura aus. Ein Schweizer Verlag, mit dem Hoffe bereits handelseins war, ging, ohne eine Zeile der bevorschussten Brod-Tagebücher publiziert zu haben, in Konkurs. Und das Marbacher Literaturarchiv musste über einen Strohmann 1,8 Millionen Euro auf den Tisch legen, um den Großteil des "Process"-Manuskripts zu erwerben, dessen Verbleib in Baden-Württemberg nicht gesichert erscheint. Eine einzige Seite vom "Process" (die erste!), welche Stefan Zweig einst als Autograf Kafkas erwarb, gehört, was Balint nicht erwähnt, der Österreichischen Nationalbibliothek, die sie in der Handschriftensammlung hütet.

Der Rest ist in Marbacher Hand, nachdem Ester Hoffe das wertvollste Filetstück bei "Sotheby’s" versteigern ließ, wofür sie weniger lukrierte als erwartet. Wenigstens landete das Manuskript nicht wieder in einem Schließfach, sondern kam in kundige Hände, die eine quellenkritische und eine autografe Edition ermöglichten. Das ging aber nicht ohne Zustimmung des Inhabers der Copyrights Kafkas, Salman Schocken, was dem Ganzen eine weitere bizarre Dimension gibt und die Ambivalenz des materiellen Kafka-Erbes zeigt.