Der Truppenübungsplatz Wolfssteig ist ein Naturjuwel. Seit die Nazis die Bevölkerung von dem Areal vertrieben haben, wuchern hier Kiefern, Birken, Fichten, Goldruten, Bruchweiden, Feldulmen, Mondviolen, Winterlinden. Rehe, Wildschweine, Mufflons, Seeadler, acht verschiedene Specht-Arten leben auf dem Sperrgebiet. Sogar Birkhühner soll es hier noch geben. Die haben es dem Biologen Ulrich Bruckner angetan. Als der Truppenübungsplatz schließt, soll er sie im Auftrag des Naturverbundes zählen.

Denn der Truppenübungsplatz Wolfssteig – oder Tüpl, wie der Einheimische sagt – ist heiß umkämpft. Die Übungsgefechte der Rekruten waren eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Schlachten, die seit der Auflösung der Heereseinrichtung hier toben. Der Naturverbund will einen Nationalpark errichten, die Nachfahren der 1939 Enteigneten fordern ihre alte Heimat zurück. Und vielen Einheimischen ist das neue Asylzentrum in der alten Kaserne ein Dorn im Auge.

David Bröderbauer, 1981 im niederösterreichischen Zwettl geboren, verhandelt in seinem Debütroman "Wolfssteig" die Probleme unserer Zeit auf einem Truppenübungsplatz, der erst nach dem Abzug der Soldaten zwischen die Fronten – und ins Zentrum der Begierde gerät. Um die riesige Brache schwirren die großen Themen Flucht, Fremdenfeindlichkeit, Religion, Identität, Naturschutz, Landflucht, Freundschaft, Liebe – während Frösche unbeeindruckt in feuchten Granattrichtern laichen. Ein Sperrgebiet als Sittenbild der Gesellschaft.

Autoprolos, rechte Schläger, Esoteriker, wütende Bauern

Die Themenlawine, die Bröderbauer in "Wolfssteig" lostritt, überrollt den Leser nicht. Sie geht neben ihm nieder. Er beobachtet sie. Das ist der klaren Sprache des Buches genauso geschuldet wie der formalen Stringenz, die Bröderbauer konsequent einhält. Abwechselnd folgen die Kapitel den beiden Hauptprotagonisten. Da ist der junge Biologe Ulrich Bruckner, der aus der Großstadt in seine Vergangenheit zurückkehrt – und ein tief gespaltenes Waldviertel wiederfindet. Da ist der ehemalige Soldat Christian Moser, der nach einem Panzerunfall als Hausmeister im Asylzentrum arbeitet – und seine Beinprothese mit Magenta-Lack besprüht.

Gemeinsam stolpert das Duo über den Truppenübungsplatz auf der Suche nach Birkhühnern und nach sich selbst. Dabei bekommen sie es mit Autoprolos, rechten Schlägern, Esoterikern, wütenden Bauern, Naturschützern, Flüchtlingen, dem Bürgermeister und einem Pfarrer aus Nigeria zu tun. Alle haben sie Lunte gerochen. Jeder will seinen Teil des Tüpls.

- © Milena
© Milena

David Bröderbauer kennt das Land und seine Leute. Und wir kennen seine Figuren. Sie sitzen in den Gemeindesälen, den Dorfdiscos, Pfarrhäusern und in den Kinderzimmern der Provinz. In "Wolfssteig" formieren sie sich zu einem Reigen, der in der hiesigen Literatur seinesgleichen sucht. Frei von Klischees und Stereotypen malt Bröderbauer ein rurales Bild der Gegenwart, ohne jedoch mit dem Zeigefinger zu wedeln oder gar ins sentimentale Fach des Heimatromans abzugleiten. "Wolfssteig" mutet zunächst an wie eine Mischung aus Wolf-Haas-Krimi, "Braunschlag" und modernem Franz-Innerhofer-Drama, bevor sich das Buch als handfester Gesellschaftsroman entpuppt.

Nebenbei überzeugt der studierte Biologe Bröderbauer mit fantastischen Naturschilderungen. Die wilde Natur des Tüpls – wo sich Wildschweine paaren, Bienen um Blütenkörbe schwirren, das morsche Holz des Urwalds knarzt – steht im drastischen Widerspruch zur menschlichen Diabolik, die sich an diesem Ort genauso offenbart. Der Tüpl, unberührtes Habitat für Flora, Fauna – und Niedertracht. Ein Vexierbild unserer Zeit.