Laut Abschlussbericht der Konferenz des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), die Anfang Mai in Paris abgehalten wurde, sind in den kommenden Jahrzehnten ungefähr eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, wenn es zu keinen grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung, beim Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels kommt. Die Forscher sprechen von einem "Massenaussterben", das es in den vergangenen 500 Millionen Jahren erst fünfmal gegeben habe. Besonders bedroht sind dabei auch Insekten - ihre Zahl hat sich in Europa in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits um rund 80 Prozent verringert.

Die Realität verfasst zurzeit düstere Berichte, was den Zustand unserer Erde betrifft - und es ist schwierig, einen Roman zum Umweltthema zu schreiben, der genauso unter die Haut geht wie die wissenschaftlichen Fakten und Statistiken.

Die 1976 geborene österreichische Schriftstellerin Andrea Stift-Laube setzt in ihrem neuen Buch nicht auf Überdramatisierung, sie nähert sich dem Thema vielmehr von einer stilleren und zum Teil auch skurrilen Seite an, wenn sie das widersprüchliche Verhältnis unserer Gesellschaft zu Tieren zwischen Verhätschelung, Nutzung und Ausbeutung skizziert. Grausamkeit ist dabei allgegenwärtig: von der brennenden Zigarette, die ein Kind einem Frosch in den Schlund steckt, um einen Knallfrosch aus ihm zu machen, bis zu industriellen Legebatterien, in denen geschundene Sklavenhühner ihr trauriges Dasein fristen.

Die feinsinnigen Beobachtungen und gut erzählten Episoden an einer lockeren literarischen Schnur aufgereiht ergeben allerdings noch keinen Romanplot. Die Story, die alles zusammenhält, ist in diesem Fall leider recht dünn geraten. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Schwestern Ila und Franziska - beide sehr aktiv in Belangen des Umweltschutzes, wobei Franziska die kompromisslosere von beiden ist. Als Aktivistin bei einer Umweltorganisation ist sie ab und zu im Fernsehen ein Transparent schwenkend auf Schiffen und Schornsteinen zu sehen, während Ila vorerst nur schwer in die Szene findet: "Es dauerte einige Monate, bis ich gelernt hatte, mir das unverkäufliche Gemüse schmackhaft zu kochen. Veganer, Rohköstler, Makrobioten, Barfußgeher und Walnussblätter-statt-Klopapier-Verwender - damals nannte man sie alle Ökos. Die Stadt öffnete mir neue Perspektiven. Ich ließ mich von allem beeindrucken und beeinflussen. Ich verdiente Geld, aber Gott sei Dank nicht zu viel, wegen dem Klassenkampf."

Ila arbeitet als freiwillige Helferin in einem Tierasyl. Sie wird erst politisch rebellischer, als ihre Schwester Franziska spurlos verschwindet. Mit einem Umweltschützer, der in Franziska verliebt ist, ruft sie ein eigenartiges Kunstprojekt ins Leben, das auf die Widersprüchlichkeit des Mensch-Tier-Verhältnisses aufmerksam machen soll: einen fiktiven Online-Handel für Katzenfleisch. Ein durchaus vielversprechender Ansatz, um gesellschaftliche Diskussionen zu entfachen, aber bald verliert das Unterfangen an Brisanz, weil sich niemand mehr darüber alteriert.

Ähnlich verpufft die Idee im Roman selbst, weil die radikalen und engagierten Ansätze von einer psychologisierenden Familien- bzw. Beziehungsgeschichte untergraben werden, die sich allerdings auch nicht richtig entwickelt. Der Roman bleibt zwischen realistischer Erzählung und Persiflage hängen, und die verschwundene Franziska, deren Verbleib sich nicht aufklärt, als zusätzliche Mahnung bezüglich Artensterben anzusehen, wäre zu weit hergeholt. Also lässt einen dieses Buch trotz interessanter und unterhaltsamer Passagen ein wenig ratlos zurück. Wer angesichts der Umweltlage das Gruseln lernen möchte, liest am besten zusätzlich die UN-Berichte über den Zustand der globalen Biodiversität und das große Artensterben.