Ottessa Moshfegh - © Larry D. Moore
Ottessa Moshfegh - © Larry D. Moore

Manchmal braucht man eine Auszeit, um Abstand zu gewinnen. Die Erzählerin in Ottessa Moshfeghs Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" entschied sich mit 26 Jahren für ein ungewöhnliches Sabbatical: Sie wollte ein Jahr lang möglichst viel schlafen, um danach als neuer Mensch zu erwachen. Schlaf bedeutete für sie Freiheit, Macht über das eigene Leben und Glück, von Kindheit an. Andere Mütter spielten mit ihren Kindern, ihre Mutter schlief ausgiebig neben ihr; das verband sie.

Nachdem ihre Eltern kurz hintereinander an Krebs, Alkohol und Tabletten gestorben waren, sie ein kleines Vermögen geerbt und ihren Abschluss in Kunstgeschichte an einer Elite-Universität erworben hatte, standen der jungen Frau, die wie ein Model aussah, in Manhattan eigentlich alle Türen offen. Doch sehr bald war sie des "lauwarmen, aufgewärmten Protestscheiß‘" in der angesagten Galerie, in der sie als schönes Aushängeschild fungierte, überdrüssig. Und sie begann, sich zu betäuben.

Anfangs wollte sie "nur ein paar Downer, um ihre ewig kritischen Gedanken zu ersticken" und "den ganzen langweiligen Erinnerungen mit sämtlichen banalen Details ihres öden Lebens" zu entkommen. Doch ihre unfähige und gewissenlose Psychiaterin Dr. Tuttle verschrieb ihr bereitwillig ein ganzes Arsenal an Beruhigungs- und Schlafmitteln und Antidepressiva. In wachen Stunden schaute die Ich-Erzählerin immer wieder die gleichen Filme, bevorzugt mit Whoopi Goldberg, und hielt alles von sich fern, das ihren Verstand beschäftigen, Ängste auslösen und sie aus ihrem seeligen Dämmerzustand reißen konnte. "Das war das Schöne am Schlafen - die Realität hatte nichts mehr mit mir zu tun und spielte für mein Bewusstsein keine größere Rolle als ein Film oder ein Traum."

Bilder aus ihrer Kindheit holten sie ein, Gedanken an Ex-Freunde, über ihr Desinteresse an der romantischen Liebe und die Hassliebe zu ihrer langjährigen und einzigen Freundin Reva, die ab und zu in ihrer Wohnung auftauchte und sie ins Leben zurückzuholen versuchte. Die Verwahrlosung schritt jedoch voran und Ottessa Moshfegh gelingt das Kunststück, darüber so amüsant zu schreiben, dass man ihr gerne folgt. Das zum Überleben Nötigste kaufte ihre Protagonistin in einem kleinen Laden ein, in dem nur Ägypter arbeiten. "Du hast da was", sagte der Ägypter an der Kasse eines Morgens zu mir und deutete mit langen braunen Fingern auf sein Kinn. Ich winkte nur ab. Später entdeckte ich, dass ich im ganzen Gesicht Zahnpasta hatte." Dr. Tuttle meinte, es sei kein Wunder, dass sie in einem solchen Zustand sei, wenn sie U-Bahn fahre, denn "eine Menge psychischer Krankheiten werden in öffentlichen Verkehrsmitteln übertragen".

Der tiefgründige und doch leichtfüßige zweite Roman der US-Amerikanerin Ottessa Moshfegh handelt von Schmerz und einer Lebenskrise, die durchgestanden werden muss, um Abschied zu nehmen. Er handelt von gnadenloser Ehrlichkeit und Treue in der Freundschaft, vom anonymen Leben in der Großstadt und den Freuden des Rauschs und Vergessens. Ob die Erzählerin nach einem Jahr von den Drogen loskommt, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Sie lebt.