Lebt als Schriftsteller in Wien: Erwin Uhrmann. - © Christian Sageder
Lebt als Schriftsteller in Wien: Erwin Uhrmann. - © Christian Sageder

Es sind nicht die schlechtesten Bücher, die mit Windrosen und Landkarten versehen sind, man denke etwa an Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" - und so wie dieser Klassiker beginnt auch Erwin Uhrmanns zeitgenössischer Roman "Toko" mit einem Blick in die Ferne. Bei Stevenson lässt ein Pirat seinen Blick übers Meer wandern, bei Uhrmann schaut ein Literaturwissenschafter via Skype auf seine künftigen Studenten, die in England sitzen. Erich heißt dieser Protagonist, der ungefähr Mitte vierzig ist und seine glanzlose Karriere zur Gänze in Wien gemacht hat, obwohl es stets sein "innigster Wunsch" war, Wien - "eine Stadt, die er eigentlich nur in den Herbstmonaten leiden konnte" - hinter sich zu lassen.

Nun bietet sich ihm, dem Spezialisten für Weltuntergangsforschung, dem kinderlosen Single mit minimierten sozialen Kontakten, endlich diese Gelegenheit. Ein Artikel über "Die Rezeption des Naturphänomens des englischen Küstenschwunds in ausgewählten deutschsprachigen Me-dien der Donaumonarchie", den er mit dem zugkräftigeren Titel "Küstenschwund-Apokalypse" aufgepeppt hat, wird ihm zum akademischen Türöffner. Erst kommt eine Einladung zu einer Konferenz, dann Forschungsgeld aus England, und schließlich ein Lehrauftrag in Bath.

Nur dorthin müsste er jetzt noch fahren. Eine Kleinigkeit eigentlich, auch in Brexit-Zeiten. Aber genau daran scheint Erich zu scheitern. Geradezu schicksalhaft lässt er sich ausgerechnet in dem Moment, in dem er Österreich verlassen will, von seiner Vergangenheit einholen. Und statt die Zeit zwischen Wohnungsauflösung und Semesterbeginn in London zu verbringen, im Victoria-and-Albert-Museum zum Beispiel, bei Schwarztee mit Bergamotte-Geschmack, fährt er alleine in ein abgelegenes Dorf zwischen dichten Wäldern, in dem er als Kind einige Sommer verbracht hat.

Irrlitz heißt dieser winzige Ort, dessen einzige Attraktion ein Saurierpark ist, und in dem Erich zwischen Weihnachten und Neujahr das Wochenendhaus von Jugendfreunden hüten soll - und, bei Eiseskälte, auch ordentlich beheizen und auf behagliche Temperatur bringen müsste. Während Erich, dem einige Fähigkeiten fehlen, die man außerhalb von urbanen Zentren für die Bewältigung des Alltags dringend braucht, beim Heizen und bei der Kontaktaufnahme mit den Dorfbewohnern scheitert, bewährt sich Erwin Uhrmann in der Kunst, die unbehagliche Kälte im fremden Haus und in der ganzen Existenz des tragikomisch agierenden Erich spürbar zu machen.