Dazu stellte er weitere Fragen in den Raum: "Möchte die Österreichische Volkspartei wirklich weiterhin alles hinnehmen, was in ihrem Namen passiert? Möchten nicht in Wahrheit viele ihrer Entscheidungsträger endlich jene Gestalten, deren dummdreiste Vulgarität Ämter herabwürdigt, die man ihnen nie hätte anvertrauen dürfen, nach Hause schicken und dafür sorgen, dass man die Luft in diesem Land wieder atmen kann? Es liegt wirklich bei Ihnen, beim jungen Kanzler, bei der alten ÖVP." Jetzt habe er sich tatsächlich zu einem Appell verstiegen, endete Kehlmann. Das werde wohl daran liegen, dass er mit diesem Preis nun auch "hochoffiziell und nachweislich" ein österreichischer Autor sei.

"Ein Meister des Erzählens"

Derartig deutlichen Worten spendeten viele, aber nicht alle im Publikum Beifall. Dabei hatte die Preisverleihung ganz harmlos und routiniert begonnen. Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, nannte bei der vom Damensaxophonquartett "Saxophisticated" musikalisch begleiteten Feier im Haus der Industrie Kehlmann "eine ausgezeichnete Wahl". Der Autor, dessen bisheriges Leben ihn von Wien nach Berlin und in die USA geführt habe, verkörpere als Deutscher, Österreicher und mittlerweile New Yorker den modernen Weltbürger, so Neumayer. Und er stehe für eine "Literatur, die auch historisch bildet".

"Daniel Kehlmann ist ein Meister des Erzählens, dessen Prosa und auch dramatische Werke auf einem reichen Wissenshintergrund basierend durch virtuoses Spiel mit den Stoffen, seinen eleganten Stil und große Fantasie faszinieren und unterhalten", sagte die Schriftstellerin Barbara Neuwirth, die Mitglied der Jury war, in ihrer Laudatio. "Stilsicher verwebt er Texte zu intellektuellen und sinnlichen Leseerfahrungen, bricht die Oberfläche der Wahrnehmung auf, entfaltet mit großer Kunstfertigkeit die Magie hinter der Geschichte." Sie verwies auch auf die zahlreichen Bühnen-Adaptionen und Verfilmungen seiner Romane, auf seine Stücke, sowie auf seine Kritik am "Regietheater", die er 2009 bei seiner Festspiel-Eröffnungsrede in Salzburg formuliert hatte.

Bereits 1997 ein "Fall von früher Meisterschaft"

Kehlmann wurde am 13. Jänner 1975 als Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann in München geboren und studierte an der Universität Wien Philosophie und Germanistik. Sein erster Roman "Beerholms Vorstellung" (1997) galt unter Kritikern bereits als "Fall von früher Meisterschaft". 2003 erschien Kehlmanns ironischer Künstlerroman "Ich und Kaminski", zum Bestseller wurde sein 2005 erschienener Roman "Die Vermessung der Welt" über die beiden Forscher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Es folgten weitere Romane wie "Ruhm" (2009), "F" (2013) oder zuletzt "Tyll" (2017) sowie Bühnenwerke wie "Geister in Princeton" (2011), "Der Mentor" (2012), "Heilig Abend" (2017) und zuletzt "Die Reise der Verlorenen" (2018). Kehlmann wurde unter anderem mit dem Candide-Preis, dem Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Doderer-Preis, dem Kleist-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Hölderlin-Preis und dem Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen ausgezeichnet.

Der mit 15.000 Euro dotierte Wildgans-Preis wird seit 1962 an österreichische Autoren "der jüngeren oder mittleren Generation" vergeben, "dessen oder deren Werk von hervorragender Relevanz für die literarische und gesellschaftliche Korrelation unserer Zeit ist". Unter den Preisträgern befinden sich u.a. Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Michael Köhlmeier, Arno Geiger, Olga Flor, Norbert Gstrein, Robert Seethaler, Erich Hackl und im Vorjahr Sabine Scholl. (apa)