Laut einer jüngst von der deutschen Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie vertraten 67 Prozent der rund 11.000 befragten EU-Bürger die Auffassung, "die Welt sei früher besser gewesen". Leider sind die Werte für Österreich nicht extra ausgewiesen, angesichts der landestypischen Neigung, Optimismus für eine behandlungsbedürftige Erkrankung zu halten, dürfte diese Form der romantischen Verklärung der Vergangenheit auch hierzulande recht robust ausgeprägt sein.

Das ist insofern recht überraschend, als die Welt "früher" entgegen diesem Befund eher ein viel schlechterer Ort war, egal ob man den materiellen Wohlstand, die Lebenserwartung oder die Chance, einen Krieg miterleben zu müssen, als Maßstab heranzieht. Die Behauptung, "früher ist alles besser gewesen", ist deshalb empirisch leicht widerlegbar; nicht für den Einzelnen natürlich, sehr wohl aber für ganze menschliche Gesellschaften.

Lust an der Gegenwart

Den französischen Philosophen, Intellektuellen und Autor Michel Serres hat diese ebenso verbreitete wie kontrafaktische Grundbefindlichkeit so vieler derart geärgert, dass er sich diesen Zorn vom Leibe schrieb. "Was genau war früher besser?" heißt denn auch sein jüngst auf Deutsch erschienener Essay, in dem er den Mythos der guten alten Zeit demoliert wie ein Bulldozer ein paar morsche Hundehütten. Er unternimmt das freilich nicht mit Fakten, Daten und Statistiken, sondern schöpft einfach aus seinem prallen Leben. Was besonders eindrucksvoll gelingt, weil er schon fast 90 Jahre alt ist und viel erlebt hat. Ehe er zu einem der "Unsterblichen" der Academie Française wurde, war der Philosoph in seiner Jugend bettelarm, werkte als Binnenschiffer, verdingte sich als Marinesoldat, kämpfte im Sinai-Krieg und schuftete als Bauarbeiter.

So einer weiß, wie es früher wirklich war. In den Zeiten, die heute oft verklärt werden, "wurden wir von Mussolini und Franco regiert, von Hitler, Lenin und Stalin, Mao, Pol Pot, Ceausescu . . . alles gute Leute, ausgewiesene Spezialisten für Vernichtungslager und Folter, Massenhinrichtungen, Kriege und Säuberungen". Das 20. Jahrhundert, merkt er völlig zutreffend an, ist "das erste gewesen, in dem das Grauen der Schlachtfelder mehr Tote gefordert hat als die Arglist der Mikroben".

"Früher durften wir unbehelligt in frei verkäuflichen antisemitischen Blättern Juden karikieren und massiv beleidigen. Wir durften behaupten, Lehrer und Arbeiter hätten es, faul, wie sie sind, bloß auf bezahlten Urlaub abgesehen." "Katholiken, Sozialisten, Kapitalisten, Deutsche", erinnert sich der Autor, "nicht zu vergessen Adlige, Freimaurer, Einwanderer, . . . - alle waren sie, wie man sich denken kann, höllisch gefährliche Leute, und es gab gar keine soziale Gruppe, die kein Komplott gegen uns schmiedete".

Und er erinnert sich klar, wie grausam das Leben der Menschen oft verlief, als die Medizin noch viel weniger weit entwickelt war: "Damals, als mangels Impfung viele meiner Freunde von den Folgen einer Kinderlähmung gezeichnet wurden, damals, als man sich über Behinderte lustig machte."

Natürlich stimmt schon, dass früher mangels Smartphone mehr Sozialkontakt im realen Leben stattfand, Nahrungsmittel nicht industriell hergestellt wurden und der Stress im Job nicht so schlimm war. Serres bestreitet das auch gar nicht, setzt es aber klug in Relation zu den unglaublichen Vorzügen des zeitgenössischen Lebens. Und das immer witzig, heiter und von einer sympathischen Lust an der Gegenwart getragen. Was ja bei einem Greis, man darf das so sagen, nicht eben selbstverständlich ist. Ein hervorragender Text, der manche Junge verdammt alt aussehen lässt.