Der Zuspruch einer insgesamt launenhaften Erinnerung reicht oft weit zurück, was ihn nicht verlässlicher macht. Dennoch oder gerade deshalb ist er unverzichtbar; ohne Erinnerungen erweist sich das Leben als entbehrlich und leer. Am schönsten sind die Gedächtnisbilder unserer Glanzzeiten, selbst wenn wir einräumen müssen, dass da wohl nicht alles geglänzt hat, was wir, mit dem Abstand der Jahre, noch aufrufen können.

In dem Roman "Aller Anfang" der amerikanischen Autorin J. Courtney Sullivan (Jahrgang 1982) geht es um Freundschaft und Liebe, an die man sich, wenn’s denn gut läuft, ein Leben lang erinnern darf. Vier Mädchen lernen sich am Smith College in Northampton kennen; aus anfänglicher Schüchternheit, die auch mit den sehr unterschiedlichen Lebensumständen zu tun hat, in denen Celia, April, Bree und Sally aufgewachsen sind, wird tiefe Zuneigung, von der, wie sich bald zeigt, noch einiges zu erwarten ist.

Befremdliche
College-Regeln

Dabei könnten die Mädchen unterschiedlicher kaum sein: Celia, die ganz gern einen trinkt, kommt aus behütetem, katholisch geprägtem Elternhaus; April präsentiert sich als Feministin, die alle männlich dominierten Machtverhältnisse zu durchschauen glaubt; Bree ist eine merkwürdig makellose Schönheit, die sich schon früh einen Verlobungsring angesteckt hat, während Sally der frühe Tod ihrer Mutter nahegeht, gegen den sie einen nachträglich entwickelten Ordnungssinn aufruft, der niemandem mehr hilft.

Das Leben zeigt sich wie neu am College, an dem im Übrigen Regeln gelten, die sehr amerikanisch wirken und hiesigen, vermutlich eher unkundigen Lesern doch befremdlich vorkommen mögen. Sullivan erzählt die Freundschaftsgeschichten der Mädchen, die nebenbei zu jungen Frauen werden und später dann nicht mehr ganz so jung sind, aus unterschiedlichen Perspektiven, was aber nicht auffällig wird, da der Tonfall, von Nuancen abgesehen, weitgehend gleich bleibt. Nachdem es anfänglich frohgemut zugeht, muss der Ernst des Lebens bedient werden; nicht ganz einfach für die Beteiligten - und auch für die Autorin nicht.

Denn diese folgt einem selbst auferlegten Unterhaltungsanspruch, der gewisse Oberflächlichkeiten zeitigt, von denen schließlich auch schwerwiegendere Ereignisse nicht verschont bleiben. So wird Celia vergewaltigt, Bree wiederum verliebt sich in eine Frau, und April, von der zu erfahren ist, dass sie als Kind missbraucht wurde, gerät in den Bannkreis einer militanten Frauenrechtlerin, die, wie sich spät, womöglich zu spät herausstellt, ausschließlich eigene Interessen verfolgt.

Was auch immer in diesem Roman passiert, bleibt im Unaufgeregten stecken; für schonungsbedürftige Leser ist das gewiss von Vorteil, für andere eher nicht. Es geht betulich zu, und dies selbst bei einem überbordenden Wiedersehen des Quartetts: ",Wie ich sehe, seid ihr drei so wild wie eh und je’, sagte April lächelnd. ‚Manche Dinge verändern sich nie.‘ Sally rannte als Erste zu ihr, dann folgten die anderen. Aprils Rippen schmerzten in der Umarmung, und sie musste sich daraus lösen."

Wer sich aus Courtney Sullivans Roman löst, wird vermutlich eher Erleichterung als Wehmut verspüren. Trotzdem ist "Aller Anfang" kein schlechtes Buch; es menschelt in ihm bis zum Abwinken, und irgendwie, also: beiläufig, bekommt man das Gefühl, dass es seine Berechtigung hat, wenn man einfach nur beisammen ist, sich in Maßen langweilt und auf bessere Tage hofft.