Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Oder gut, sagen wir vorgestern. Im Wandverbau meiner Eltern - Palisander - entdeckte ich zuoberst das Buch mit dem vielversprechenden Titel "Heute heiratet mein Mann". Beim heimlichen Durchblättern fand ich zwar nicht, was ich eigentlich suchte, aber ich blieb in der Geschichte hängen, verschlang den Roman in einem Zug. Seit damals ist mir der Name Selinko vertraut, sozusagen ein Synonym für eine unerwartete, aber eh recht nette Wendung.

Lang ist’s her. Nun wurde die Autorin wiederentdeckt: Der Milena Verlag hat nach "Heute heiratet mein Mann" nun auch Annemarie Selinkos Erstling aus dem Jahr 1937 neu aufgelegt: "Ich war ein hässliches Mädchen".

Wien, in den 1920er Jahren. Anneliese hat mit Ach und Krach die Matura geschafft, jetzt soll sie die Zeit überbrücken, bis sie einen Mann zum Heiraten findet und Kinder kriegt. Der Vater will die Achtzehnjährige in einen Abiturientenkurs auf die Handelsakademie schicken. Die Mutter ist für eine Haushaltungsschule, dann könnte das Kind nämlich gleich daheim zur Hand gehen und ein Dienstmädchen ersetzen.

Anneliese möchte selbst über ihre Zukunft entscheiden, aber mehr weiß sie auch nicht. Klar ist sie sich nur in einer Sache: Ihr Marktwert ist gering, denn sie ist weder besonders klug noch besonders hübsch. Dass die junge Frau dies relativ emotionslos feststellt, macht sie sogleich sympathisch (und dem Leser deutlich, dass sie in zumindest einem Punkt irrt.)

Auf einem Fest begegnet Anneliese dem Schriftsteller und Schauspieler Claudio Pauls, welcher von da an ihr Leben gestaltet. Der schillernde Bohemien ernennt das "Entlein" zu seinem persönlichen Experiment und will Anneliese nach seinem Idealbild der Frau formen. Anfangs hat auch Pauls dafür nur eine oberflächliche Schablone, und er verordnet "dem Kind" Schönheitsbehandlungen, neue Augenbrauen und eine Dauerwelle. Am glücklichen Ende wird ihm natürlich klar, dass es auch für Frauen Wichtigeres gibt als das Äußere.

Scheinmoral

Dieses romantische Schlussbild ist verzeihbar, wenn man bedenkt, zu welcher Zeit das Buch geschrieben wurde. Der Einblick, den die Autorin in die Familien- und Gesellschaftsstruktur des gehobenen Bürgertums der Wiener Zwanzigerjahre gibt, ist tatsächlich interessant: Die Eltern haben einerseits strenge Moralvorstellungen, andererseits gilt es, die Töchter gut - lukrativ - zu verheiraten. Also schaut man halt weg, will nicht so genau wissen, was diese eigentlich treiben. Und hofft, dass das Kalkül aufgeht.