Sherlock Holmes und sein Anhänger Jim Moran von der New Yorker Sherlock-Holmes- Gesellschaft in der Baker Street. - © dpa/epa/Gerry Penny
Sherlock Holmes und sein Anhänger Jim Moran von der New Yorker Sherlock-Holmes- Gesellschaft in der Baker Street. - © dpa/epa/Gerry Penny

Heraus mit der Deerstalker-Mütze, aufsetzen und in den Havelock-Mantel schlüpfen, Lupe in die Hand und die Ganoven suchen! Heute ist internationaler Sherlock-Holmes-Tag. Feiern, wem das Feiern gebührt - immerhin: Er hat das Rätsel um die Familie Baskerville gelöst und die Welt von Doktor Moriarty befreit. Das soll ihm einmal sein belgischer Verwandter, Monsieur Poirot, nachmachen!

Wieso gerade heute, Mittwoch, Holmes-Tag ist, erklärt sich ganz einfach: Der 22. Mai ist der Geburtstag von Sir Arthur Conan Doyle, der seinen Detektiv und dessen in der Verbrechersuche stets danebentappenden Freund Dr. Watson erstmals 1887 in "Eine Studie in Scharlachrot" auftreten hat lassen und damit das bis heute gültige Modell des Detektiv- und Kriminalromans geschaffen hat.

Vorbild E. A. Poe

Lauter Einspruch durch die Kenner der Materie: Und was ist mit Edgar Allan Poes drei C.-Auguste-Dupin-Geschichten?

Ja, gewiss. In einer ist der Mörder ein Orang-Utan. . . Und obendrein: Bitte ganz schnell drei charakteristische Merkmale von Monsieur Dupin nennen. Keines im Gedächtnis? Eben.

Es liegt nicht an Poe, es liegt an Doyle: Er verleiht seinem Holmes eine Individualität, die sich über die vier Romane und sechsundfünfzig Erzählungen entwickelt. Im Zuge der Ermittlungen erfährt der Leser immer mehr über die Gestalt des Sherlock Holmes, etwa, dass er an der Londoner Adresse Baker Street 221b zu finden ist, dass er Geige spielt und sich für Bienenzucht interessiert und sich ihr nach seinem Rückzug ganz widmen will. Ebenso erfährt man, dass Holmes einen Hang zu Drogen hat. Das Erscheinungsbild, das sich von Holmes eingeprägt hat, mag zwar vor allem auf die Illustrationen von Sidney Paget zurückzuführen sein - die aber schmiegen sich ziemlich genau den Erzählungen an.

Jedenfalls ist es Doyle gelungen, eine fiktive Gestalt zu erschaffen, die dermaßen lebendig wirkt, dass mancher sie für real gehalten hat. Nun mag man die Sherlock-Manie mancher Briten belächeln, etwa die Unterbringung des Sherlock-Holmes Museums an der fiktiven Adresse Baker Street 221b, die real 235 ist, weil die tatsächliche Hausnummer 221b früher zum Gebäudekomplex der Abbey National Building Society gehörte, der jetzt im Besitz der Banco Santander ist; die Abbey National Building Society beschäftigte übrigens eine Sekretärin, deren einzige Aufgabe darin bestand, Post an Sherlock Holmes zu beantworten. Man mag es auch kurios finden, dass Sherlock-Holmes-Denkmäler aufgestellt wurden und William S. Baring-Gould völlig unironisch eine Biografie des rein fiktiven Charakters verfasst hat und damit nicht allein dasteht. Letzten Endes aber zeigt das alles nur, in welchem Ausmaß es Doyle gelungen ist, die Grenzen der Fantasie zu überwinden.

Und selbstverständlich ist dieser Holmes vielfach für Kinofilme und Fernsehserien Pate gestanden, wobei die Fans darüber streiten, wer am ehesten dem Detektiv mit dem "Raubvogelgesicht" entspricht: Basil Rathbone, Peter Cushing, Jeremy Brett, Benedict Cumberbatch in der neuesten BBC-Serie oder gar Wassili Liwanow in der russischen TV-Serie, die als werkgetreueste gilt.

Der belgische Verwandte

Nicht zuletzt hat Doyle in der Gestalt des Sherlock Holmes gezeigt, dass sich ein guter Detektivroman nicht nur um einen Kriminalfall, sondern ebenso um den Ermittler dreht. Agatha Christies Hercule Poirot etwa, der darauf besteht, Belgier zu sein, seinen Schnurrbart pflegt, dahintrippelt, eitel ist und französische Ausdrücke einstreut, ist mit seinen Marotten ein enger Verwandter des Sherlock Holmes - und auch mit seinem Beharren darauf, dass sich Kriminalfälle durch logisches Überlegen lösen lassen. Nur würde sich Poirot niemals verkleiden und sich unmittelbaren Gefahren aussetzen - was Holmes durchaus macht, wenn es der Fall verlangt.

Und die Holmes-Familie ist unüberschaubar groß mit ihrem Inspector Barnaby, ihrem Jules Maigret, ihrem Kurt Wallander. Sogar nach Österreich führt ihre Spur, nämlich zu Andreas Grubers tick- und trickreichem Niederländer Maarten S. Sneijder und zu Alfred Komareks Simon Polt.

Doyle mag Besseres geschrieben haben als die Holmes-Geschichten. "Die vergessene Welt" etwa hat vielleicht mehr knallbunten Charme, und es gibt ein paar wirklich erschreckende Gruselgeschichten aus seiner Hand, etwa "Als die Erde schrie" oder "Der Parasit". Aber in den Sherlock-Holmes-Geschichten entwirft er eine Welt der Fantasie, die gleichzeitig ein Abbild des viktorianischen London ist.

Und jetzt bitte eine Holmes-Geschichte lesen! - Besser kann man den heutigen Tag nicht begehen.