Ausgeprägte Sensibilität und unbändige Fabulierlust: Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961. - © Burkhard Riegels
Ausgeprägte Sensibilität und unbändige Fabulierlust: Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961. - © Burkhard Riegels

In einem Londoner Nobelhotel wird der Schauspiel-Star Andrew Wake ermordet aufgefunden. Der (vermeintliche) Täter ist schnell ermittelt: Es ist sein deutscher Synchronsprecher Peter Politz, mit dem Wake sich in London getroffen hatte. Anhand scheinbar zwingender Beweise wird Politz zu lebenslanger Haft in einem berüchtigten Londoner Gefängnis verurteilt. Seine Tochter ist aber von seiner Unschuld überzeugt und beauftragt Markus Cheng, den einarmigen Wiener Detektiv chinesischer Abstammung, dem Fall nachzuspüren. Cheng nimmt den Auftrag nach leisem Zögern an, besucht Politz im Gefängnis und erfährt von diesem eine ungeheuerliche Geschichte, die seine Ermittlungen nicht eben einfacher macht. . .

Weltenmüdigkeit

Mehr muss man von der Handlung nicht erzählen. Die ist auch - recht seltsam zwar für einen Krimi, nicht aber für diesen Autor - nicht wirklich die Hauptsache, verwirrt und verstrickt sich auf teils reichlich absurde Weise und trägt einen Dauerkonflikt mit ziemlich allen Prämissen der Wahrscheinlichkeit aus.

Nun, "Der schlaflose Cheng" ist der letzte der in Summe sechsteiligen Krimi-Serie, die Heinrich Steinfest, gebürtiger Australier, gelernter Wiener und gegenwärtiger Bürger der Stadt Stuttgart, 1999 begonnen hat. Cheng, Mitte 50, ist müde geworden: des Alkohols, der Wahrheitssuche, und, wie es unterschwellig scheinen will, auch des Lebens. Dass er wenig Schlaf findet, weil er immer zu sehr früher Morgenstunde aufwacht, macht diese Weltenmüdigkeit nicht besser. Auch das Gedächtnis verweigert neuerdings immer häufiger den Dienst. Solchermaßen stehen also schon die Vorzeichen auf Finale Grande.

Und ein solches ist es fürwahr: Der letzte "Cheng" ist ein üppiges Panoptikum aus Action, philosophischen Winkelzügen, literarischen Querverweisen (vor allem zu H.P. Lovecraft und Jules Verne), Anspielungen auf das Showbusiness und die Unterhaltungsindustrie - und einer frivolen kleinen Selbstreferenz des Autors: Denn mit dem (handlungsirrelevanten) Anfangsmotiv der Frau, die an einem Wintertag auf Mallorca schwimmen geht, weit draußen im Meer ein Boot entert und danach nicht mehr gesehen ward, repliziert Steinfest nichts anderes als den Schluss seines letzten Romans, "Die Büglerin".

Die Seele dieses Krimis ist aber ein Witz, der keine Sperrgebiete kennt, sich schon in Kapitel-Titeln manifestiert wie: "Der Mann, der bis zehn zählte, sich aber spätestens bei fünf einen Sessel suchte, um beim Zählen nicht stehen zu müssen", sich aber auch schön mit Steinfests ausgeprägter Sensibilität zu subtilen (F)einsichten potenziert. So lässt er Wände von einem Graugrün sehen, "das aussah, als sei einem Lila übel geworden".

Völlig logisch kann er argumentieren, dass eine Kränkung weniger die Erde auf ihrer Umlaufbahn hält, weil eben das Fass doch nicht zum Überlaufen gebracht wurde; anschaulich beschreiben, wie Cheng als Einarmiger eine Uhr vom Handgelenk löst; oder lakonisch die Unabänderlichkeit von Tatsachen resümieren: "Man konnte einen Drachen nicht zähmen, indem man ihm zart über den Kopf strich und vom Miteinander der Kreaturen philosophierte." Und dass immer wieder Menschen, die sich Cheng nähern, zu seinen Füßen seinen toten Hund "Lauscher" zu sehen (ver-)meinen, ist zwar nur ein Running Gag, zeugt aber auch von unbändiger Fabulierlust. Genau das also, was große Literatur ausmacht.