Eigentlich ist Jonathan Franzen ja Großromancier, eine Art Thomas Mann für die jüngeren Generationen. "Die Korrekturen" haben ihn berühmt gemacht, und in den Wettbüros wird er alljährlich als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis hoch gehandelt.

Sein eigentliches Metier aber ist die Essayistik. Sind seine bisher fünf Romane stets eine Spur zu konstruiert, zu bedeutungsschwer aufgeladen, zeigt sich der 1959 geborene Franzen in der "Unruhezone" (so der Titel eines autobiografischen Buches aus dem Jahr 2007) des Essays deutlich zweifelnder, offener und damit auch eindrücklicher.

"Einen Essay zu schreiben oder zu lesen ist nicht der einzige Weg, innezuhalten und sich zu fragen, wer man eigentlich ist und was das eigene Leben bedeutet, aber es ist ein guter Weg."

Der Essay ist für ihn ein Me-
dium gegen die Geschäftigkeit der digitalen Welt, und vielleicht liebt man Franzen im deutschsprachigen Raum auch deshalb so sehr, weil er sich so wunderbar gelassen allen Zumutungen des Internetzeitalters verweigert (darin Eva Menasse nicht unähnlich): "Es ist zu bezweifeln, dass jemand, der eine Internetverbindung an seinem Arbeitsplatz hat, gute Bücher schreibt."

Franzen selbst bezeichnet sich als "depressiven Pessimisten", aber dafür geraten ihm seine Essays erstaunlich luzide. Egal, ob er über das eigene Schreiben, über andere Autoren, Sachbücher oder über die Kunst schreibt - das Nachdenken darüber endet nie in Selbstgewissheit, sondern in zweifelndem Staunen über die Welt am Abgrund.

Das gilt ganz besonders für Franzens Steckenpferd, die Ornithologie. Die Vogelbeobachtung wird ihm zum Indikator für die "Gesundheit unserer ethischen Werte", und wie wenig Anlass zum Optimismus sich dabei bietet, zeigt eine Reise in die schmelzende Antarktis, die Franzen im mitreißenden titelgebenden Essay des vorliegenden Bandes schildert.

Jonathan Franzens Texte sind auf gänzlich unaufgeregte Art ganz nah am Puls der Zeit, und wer sie liest, weiß zumindest, dass es bei aller Weltverzweiflung doch noch irgendwo einen Funken Hoffnung gibt.