Das Amerika unter Trump verhandelt der Roman ebenso wie das Lebensgefühl der siebziger Jahre. Aus vielerlei Fragmenten, die auch die ersten Schreibversuche der Protagonistin einschließen, setzt Hustvedt ihren Roman zusammen. Ein Frauenleben und ein Zwiegespräch mit den Lesern, die überwiegend Leserinnen sein dürften.

Das Verhältnis von Frauen und Männern ist seit jeher ein Thema, das Hustvedt umtreibt. In ihren Essays hat sie sich wiederholt mit den Bedingungen und Rezeptionsmustern männlicher und weiblicher Künstler und gebräuchlicher Männlichkeitsmythen in der Kunst auseinandergesetzt. Auch in ihrem neuen Essayband resümiert sie ihre diesbezüglichen Erfahrungen, schreibt etwa über die Bildhauerin Louise Bourgeois und das, was sie den "männlichen Verstärkungseffekt" nennt: ein Effekt, der dazu führt, die Werke männlicher "Genies" zuverlässig höher zu bewerten, und zwar monetär wie ideell.

Schon in ihrem vorherigen Roman, "Die gleißende Welt", hat Hustvedt ein Künstlerinnenleben unter die Lupe genommen und gezeigt, wie sexistisch der Kunst- und Kulturbetrieb funktioniert. Im neuen Buch heißt es einmal: "Sie wusste, dass die Welt starke Frauen hasst. Stimmt das? Ja, es stimmt." Auch sie selbst erfährt immer wieder, was Frauen nicht, Männern aber sehr wohl zugetraut wird. So wird Siri Hustvedt, die sich auch als Fachfrau für neurologische Fragen einen großen Namen gemacht hat, immer wieder gefragt, ob ihr Ehemann Paul Auster - der von diesen Dingen nicht viel weiß - ihr das alles beigebracht habe. Man kann das lustig finden. Ist es aber nicht, zumal im Jahr 2019 nicht.

Die Frau in ihrem neuen Roman, die sich an ihr jüngeres Selbst erinnert, nutzt ihre alten Notizbücher, um ihre gedanklichen Memoiren in Gang zu bringen.

Me-Too-Moment

Ein Erlebnis eines männlichen Übergriffs ist ihr seit damals nicht aus dem Kopf gegangen: Auf einer Party lernt sie einen Mann kennen, und obwohl sie nicht von ihm nach Hause gefahren werden möchte, wartet sie aus Höflichkeit doch auf ihn; er versucht dann später, sie in ihrer Wohnung zu vergewaltigen, was misslingt. Dieser, wenn man so möchte, #MeToo-Moment erweist sich als Kristallisationspunkt im Leben der Frau und des Romans. Die Frau erstattet keine Anzeige, und doch überlebt das damals intensiv erlebte Gefühl der eigenen Ohnmacht.

Erst der Roman bietet ihr die Möglichkeit, diesen Moment beklemmend genau zu rekonstruieren, indem sie den Vorfall von allen Seiten betrachtet und bestaunt wie ein seltsames Tier. Dabei pendelt die Erzählerin vom Hier zum Damals und wundert sich über ihr Unverständnis dem eigenen früheren Ich gegenüber.

Hustvedt gelingt mit ihrem neuen Roman nicht weniger als die beispielhafte Introspektion eines Lebens einer heute um die 60 Jahre alten Frau. Einmal spricht die Ich-Erzählerin von sich selbst als der schreibenden alten Dame. Es ist eine akribische Detektivarbeit, während der sie sich in ihr altes Leben wühlt wie in einen Stapel ungewaschener Wäsche. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Initialen S.H. nicht nur auf Siri Hustvedt, sondern auch auf Sherlock Holmes verweisen.