Gleich zwei dickleibige Bücher der amerikanischen Schriftstellerin Siri Hustvedt sind in diesem Frühjahr erschienen: der Roman "Damals" und der Essayband "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen". Ihre Lesereise führte die Autorin auch nach Europa, wo sie sich gewohnt beredt und belesen präsentierte. Denjenigen, die in ihrer neuen Ich-Erzählerin gern sie selbst vermuten, erteilte sie bei dieser Gelegenheit eine resolute Absage: "It’s not a memoir!"

Die Gemeinsamkeiten sind dennoch frappant. So teilt Siri Hustvedt mit ihrer Protagonistin neben den Initialen auch die Herkunft: beide entstammen sie einer norwegischen Einwandererfamilie aus Minnesota. Wie Siri Hustvedt selbst, zieht auch ihre Romanfigur Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ins vibrierende New York, um dort zu studieren.

Hustvedts Ehemann heißt bekanntermaßen Paul Auster, womit wir schon bei den Unterschieden zur Romanheldin wären. Die nämlich ist mit einem Physiker namens Walter verheiratet und nicht etwa mit einem Schriftsteller namens Paul. Beide Frauen aber nehmen sich ausgiebig Zeit, sich zu erinnern, an dieses besondere Jahr 1978.

Bei ihrer Lesung in Frankfurt spricht Siri Hustvedt davon, dass das Schreiben von Romanen der Erinnerung an Dinge, die niemals geschehen seien, gleiche. Die junge Frau, die 1978 nach New York kommt, setzt sich aus den Erinnerungen einer alt gewordenen Frau zusammen, die sowohl die Schriftstellerin Siri Hustvedt ist als auch ihre Ich-Erzählerin. Verschiedene Punkte ihrer Biografien verbinden sie zu einem biografischen Muster, das überindividuelle Gültigkeit besitzt.

Daraus ergibt sich ein Blick zurück in Verwunderung über ein Leben und eine Zeit, die so anders waren als alles, was heute vonstattengeht. An einer Stelle spricht die Erzählerin von "einem verwelkten Jetzt". Die junge Frau bewohnt ein Zimmer samt Kakerlaken an der West 109 Street, liest und schreibt viel, verdingt sich hier und da. Die funkelnde Großstadt gilt ihr als Bedrohung und Versprechen zugleich.

Neben vielem ist dieser Roman auch ein New-York-Roman, der die Stadt in ihrer damals noch gefährlich aufregenden Ausformung porträtiert. Dabei folgt der Erzählfluss keiner geraden Linie, sondern strömt vom Heute ins Damals und noch weiter zurück. Erinnerungen an die Kindheit, den skeptischen Vater, an die Mutter, die jetzt mit ihren Erinnerungen und einem schwächelnden Gedächtnis ringt und dabei ganz eigene Geschichten spinnt.