Die eigene Erinnerung als Indizienprozess: Angereichert wird dies von Siri Hustvedt mit kritzeligen Zeichnungen, die einmal Einstein, ein andermal Trump abbilden. Auch die nackte Frau beim Freiheitsflug in den New Yorker Himmel, die das Cover des Romans zeigt, stammt von der Autorin. Für die amerikanische Originalausgabe war das Motiv zu freizügig, weswegen dort eine angezogene Lady das Cover ziert. Aus dem Titel "Memories of the Future" wurde für die deutsche Ausgabe "Damals", der Arbeitstitel des Romans.

Es bietet sich an, die beiden neuen Bücher, den Roman und die Essays, parallel zu lesen, ereignen sich dabei doch ebenso vielfältige wie reizvolle Überschneidungen. Hätte die junge Frau aus dem Roman gewusst, was ihre Erfinderin viele Jahre später durchdacht hat, wer weiß, wie ihr Leben verlaufen wäre?

In ihren Essays erweist sich Hustvedt als überaus selbstbewusste Autorin, womöglich selbstbewusster als in ihrer Prosa. Ihre eminente Belesenheit stellt sie in den Dienst scharfer Gedanken, die sich dem Feld der bildenden Kunst ebenso versiert widmen wie neurologischen Phänomenen. Ihre Ausführungen sind dabei von zwingender Klarheit, die einer Präzision im Denken geschuldet ist.

Psychoanalyse

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind ein Thema, dem Hustvedt sowohl in ihrem Roman wie in ihren Essays treu bleibt. Dabei ist es zumindest erstaunlich, um wie viel privater sie in ihren Essays wird. Führt sie die Leser mit ihrem fiktiven, dem eigenen Lebenslauf dennoch nicht unvertrauten Ich im neuen Roman auch an der Nase herum, erzählt sie in ihren Essays viel von ihrem eigenen Leben, ihren Krankheiten, ihren Zuständen.

So beschäftigt sie sich etwa in "Im Raum" mit ihren eigenen Erfahrungen mit der Psychoanalyse. Man könnte so weit gehen zu sagen, dass, wer etwas über den Privatmenschen Siri Hustvedt erfahren möchte, zu ihren Essays, nicht zu ihrem Roman greifen sollte.

In Letzterem indes erfährt man so einiges über die Künstlerin als junge Frau. Der Klarheit der Essays gegenüber unterliegt der Roman schon seiner nicht durchweg einsichtigen disparaten Struktur wegen. Zum Ergreifendsten zählen darin die überaus zärtlichen Passagen, die von der zunehmend dementer werdenden Mutter handeln.

Die reale Welt stößt auch hier ans Reich der Fantasie, wie überhaupt Fiktion und Wirklichkeit, Erinnerung und Erfindung in diesem Roman immer wieder souverän ins Schlingern geraten.