Weiß ihre schriftstellerische Stärke in ruhigen, erzählenden Passagen gut zu entfalten: Doris Knecht. - © Pamela Rußmann
Weiß ihre schriftstellerische Stärke in ruhigen, erzählenden Passagen gut zu entfalten: Doris Knecht. - © Pamela Rußmann

Lotte ist ein Sorgenkind. Zwar ist sie bereits 23 Jahre alt, aber so richtig erwachsen ist sie noch nicht, was mit ihrer Krankheit zusammenhängt. Seit einer durch Drogen ausgelösten Psychose muss sie Psychopharmaka einnehmen. Ihre Mutter Heidi ist davon überzeugt, dass man auf die labile Lotte ein Auge haben muss, damit sie sich nicht wieder mit den falschen Freunden einlässt. Eines Tages ist Lotte verschwunden. Wohl auch, um der mütterlichen Kontrolle zu entkommen, hat sie sich ins Ausland abgesetzt und sendet nur spärliche Nachrichten - hauptsächlich deshalb, weil sie Geld braucht.

Suche in Vietnam

Für die lebensängstliche Heidi ist das eine schwer erträgliche Situation. Als es Hinweise gibt, Lotte könnte sich in Vietnam aufhalten, wirft sie alle ihre anderen Ängste über Bord und beschließt, ihre Reihenhaus-, Garten- und Blumenladenidylle in der Nähe von Frankfurt zu verlassen, um ihrer Tochter nachzureisen und sie zu suchen. Dabei wird sie nicht von ihrem Mann Martin begleitet, der ist nämlich auch weggelaufen - weil er sich beim täglichen Lauftraining in eine junge Joggerin verliebt hat. In ihrer großen Sorge um Lotte schiebt Heidi diesen Konflikt von sich, indem sie sich einredet, es sei nur eine kleine Krise, er werde schon wiederkommen.

Heidi reist dennoch nicht allein, sondern mit Lottes Vater Georg, der inzwischen mit seiner eigenen Familie ein österreichisches Bio-Landgasthaus betreibt und sich bisher nur sporadisch um seine Tochter kümmerte, denn Lotte ist aus einer kurzen Affäre entstanden. Heidi und Georg sind einander fremd geworden, aber nun müssen sie zusammenhelfen - und das gelingt ihnen auch weitgehend, wobei sie erstaunlich zuversichtlich sind, wenn man bedenkt, mit welch kargen Hinweisen auf Lottes Verbleib sie ihre Suche starten.

Sobald die beiden durch das hektische Saigon treiben, hat auch die Geschichte Schwung aufgenommen, nachdem im ersten Teil des Buches Rückblenden und Beschreibungen über Befindlichkeiten der verschiedenen Protagonisten den Roman etwas zu sehr abbremsen, wiewohl Doris Knecht in den ruhigen, erzählenden Passagen ihre schriftstellerische Stärke gut zu entfalten weiß.

Am schönsten ist das Leitmotiv des Mopedfahrens, das die Autorin in unterhaltsamen Varianten durchspielt. Es soll die verschiedenen Lebensumstände und die Befreiung aus eigenen Zwängen symbolisieren, zum Beispiel, wenn Heidi durch die Straßen asiatischer Städte rattert und dabei ein befreiendes Glücksgefühl empfindet. Auch sie selbst ist jetzt einmal weg - von ihrem gewohnten Zuhause, von ihrem Alltag, von ihren alten Ängsten.

Leider wird auf den Gepäcks-träger zu viel Last draufgepackt, indem die Perspektiven der Nebenfiguren zu ausführlich behandelt werden, was von der eigentlichen Geschichte ablenkt. Zwar bekommt Tochter Lotte selbst keine erzählende Stimme, weil ein Hauptstrang des Romans das Elternsein und das damit verbundene nötige Loslassen beschreibt.

Mal wer anderer sein

Aber vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, sich noch wesentlicher auf Heidi und ihre Selbstfindung zu konzentrieren. Sie ist nämlich die interessanteste Figur im Roman und hätte sich eine explosivere Befreiung verdient, aber sie fährt eben lieber auf einem Moped, als auf einem PS-starken Motorrad zu rasen:

"Sie wird lernen, Dinge allein geregelt zu bekommen, über ihren Schatten, ihre Ängste zu springen. So, wie sie das gerade macht, ist es schon mal nicht schlecht. Mal ein anderer Mensch sein als der, zu dem sie sich selbst geformt hat, von dem sie glaube, das sei’s jetzt, die könne es für immer sein, da brauche man nichts mehr dran zu schrauben."