Freiheit ist durch Grenzen bestimmt. Erst Grenzen geben der Freiheit einen Begriff, machen sie sichtbar. Wer aus dem Osten Europas in die Freiheit des Westens aufbrechen wollte, wusste jahrzehntelang um die Beschränkung der Freiheit. Einer freien Wegwahl stand die stacheldrahtbewehrte Grenze entgegen. Deren Überwindung konnte tödlich enden.

Als vor 30 Jahren, 1989, im Osten die Grenzmauern fielen, schien Europa plötzlich grenzenlos. Eine Migration setzte ein, die sich wie alle Wanderungsbewegungen als zwiespältig erwies: hier Aufbruch, dort Verlust der Heimat. Hier Glückssuche, dort hinterlassene Leerstelle. Hier der Daseinskampf in der Fremde, dort die Last mangelnder Veränderung zu Hause.

Von diesem Zwiespalt erzählt Andrej Kurkow in seinem Roman "Kartografie der Freiheit". Zwei junge Paare aus Litauen lässt er unmittelbar nach dem Eintritt ihrer Heimat in den Schengen-Raum im Dezember 2007 mit fliegenden Fahnen in den Westen der Europäischen Union - in die Hauptstädte London und Paris - aufbrechen, während ein drittes Paar im Land bleiben und sich naturnah in der Provinz ansiedeln möchte.

Erfahrung der Freiheit

Beide Paare, die weggehen, möchten die Erfahrung der Freiheit vertiefen. "Wir brauchen ja kein Visum. Und so lange wir jung sind, wollen wir ein bisschen rumkommen und was verdienen", sagt Klaudijus, der sich mit seiner Freundin Ingrida nach England aufmacht. In London müssen sie sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs und geldgierigen Wohnungsvermietern herumschlagen, ehe ein dubioser Oli-garch sie dafür anheuert, in der Grafschaft Surrey als Gärtner und Hausmädchen ein Herrenhaus zu hüten. Der Besitzer des Anwesens schaut nie persönlich vorbei. Via Skype erwartet er allabendlich den Tagesrapport. Später ziehen die beiden Litauer weiter. Ingrida geht eine neue Beziehung ein. Klaudijus bleibt verlassen zurück, findet einen Koffer mit Bargeld und erliegt der Illusion, nun ein gemachter Mann zu sein.

Andrej Kurkow, Jahrgang 1961, lebt in Kiew. - © Georges Seguin
Andrej Kurkow, Jahrgang 1961, lebt in Kiew. - © Georges Seguin

Sein Landsmann Andrius wiederum ist einer, der schnell die Contenance verliert. Mit seiner Freundin Barbora ist er endlich nach Paris gelangt. Dort lässt er sich als Clown anmieten, um Kindern in allerlei prekären Situationen Mut und gute Laune zu machen. Dafür hat er in einem Café nahe einer Klinik Stellung bezogen, in dem allerdings auch ein albanisches Brüderpaar als Clowns auf Kunden lauert. Als Andrius ihnen zu viel Konkurrenz macht, schlagen ihn die Albaner vor dem Café zusammen.

Den Weitgereisten aus Litauen geht fortwährend das Geld aus. "Wir leben hier auf Messers Schneide", erkennt die nunmehr schwangere, von Andrius’ Vertrauens- und Saumseligkeit genervte Barbora im teuren Paris. In Vimy, wohin sie Freunde vermitteln, kann Barbora eine Stelle als Altenpflegerin übernehmen, und so zieht sie mit Andrius in die Provinz. Dort wird Andrius zunehmend unglücklich: "Der Traum von Paris hörte zunächst auf, ein Traum zu sein, und wurde Wirklichkeit, dann aber kam Paris abhanden. Und so fand er sich in der Wirklichkeit des kalten französischen Nordens wieder, in der Wirklichkeit von Vimy."