Letztlich finden sich beide Männer in der Fremde nicht zurecht. Die Frauen indes schaffen es weit besser, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren.

Auch einen Alten namens Kukutis gibt es in Kurkows Europa-Erkundung. Der humpelt als Veteran zweier Weltkriege mit einem Holzbein Richtung Westen. Als erster Grenzgänger hat er am 21. Dezember 2007 gleich nach Mitternacht die soeben aufgehobene Schranke zwischen Litauen und Polen passiert, ohne Passkontrolle. "Sechs Stück habe ich von den Dingern, von diesen Pässen! Und sie gehören alle mir", bekundet er selbstbewusst. Die lachenden Zöllner lassen ihn ziehen: Fortan braucht er im EU-Raum keinen Pass mehr.

Mit diesem Grenzübertritt lässt der Autor den alten Kukutis gleichsam den Auftakt für seinen Roman machen. Als mystische Erscheinung verbindet Kukutis Ost und West ebenso wie die Alte und die Neue Zeit. Er wandert als telepathischer Schutzgeist der ausgewanderten Litauer zuerst durch Polen, dann durch Deutschland. Dort findet er sich im Schneegestöber in einem "gemütlichen Städtchen" wieder, "das wie ein in Winterstimmung gerahmtes Bild aussah".

Eine Taschenuhr, die er bei sich trägt, erinnert ihn an den deutschen Soldaten, den er im Krieg getötet hat. Die Uhr trägt auf der Innenseite des Deckels die Gravur "Komm als Sieger zurück!". Diese Aufforderung hat Kukutis beherzigt, nachdem ihm eine Detona-tion das Bein abgerissen und er den Heimweg durch viele Spitäler angetreten hat. Er hatte überlebt, war als Sieger in seine Heimat Litauen zurückgekehrt. Doch gegenüber der Geschichtsvergessenheit der neuen Generation erweist er sich letztlich als ohnmächtig.

Der Autor Andrej Kurkow hat ein ausgeprägtes Gespür für Schnee. Ständig schneit es rund um seine Protagonisten, seien sie nun in Ost oder in West unterwegs. Bisher war Kurkow durch grotesk-humoristische Romane erfolgreich hervorgetreten. Hier bleibt er stilistisch nüchtern, und das tut dem Erzählwerk nicht durchgängig gut.

Der Autor hat eine chronologisch erzählte Geschichtenstaffel erfunden, in der man sich nur langsam zurechtfindet. Vieles bleibt motivlich unentschieden. Vieles auch zu ausgebreitet: der ständige Schauplatzwechsel, die über hundert Kapitel, der Zeitrahmen von zehn Jahren. Detailverliebt und etwas behäbig wird erzählt, Banales und Belangloses bleiben nicht ausgespart. Das kann streckenweise gefallen, auf Dauer aber auch ermüden.

Vertrauensseligkeit

Naivität, Vertrauensseligkeit bestimmen Kurkows Figuren auf Schritt und Tritt. Zeitweilig herrscht geradezu ein Alice-im-Wunderland-Szenario vor. Insbesondere die Männer vertrauen selig auf das Gute und die Güte der Menschen - und haben erstaunlich oft Glück damit. Allerdings sind die Frauen schon bald realistischer, gehen offen mit den veränderten Verhältnissen um.