Was ist aktuell von bedeutenden Autoren der französischen Moderne in deutscher Sprache lieferbar? Von André Gide, Jean Giraudoux, Saint-John Perse und Louis Aragon, Georges Bernanos, Marcel Aymé oder Roger Martin du Gard? Wenig bis gar nichts. Dieser Befund gilt auch für Jean Giono (1895-1970). Ihm haftete stets ein unzutreffendes Label an: Provence. Er sei der "Vergil" dieser Region. Und: War da nicht etwas mit Kollaboration? Und 1995 der Film "Der Husar auf dem Dach"? 1947 erschien "Un roi sans divertissement", "Ein Mensch allein". Caroline Vollmanns glanzvolle Eindeutschung löst nun die erste von 1951 ab. Allerdings sollte man diesen Roman, der als Pseudo-"Augenzeugenbericht" daherkommt, ganz hinten beginnen, mit dem langen, äußerst gelungenen Nachwort von Wolfgang Matz: Er zeichnet kundig Gionos Leben nach, seine kommunitaristische Utopien in den 1930er Jahren und seinen bedingungslosen Pazifismus, der ihm ab 1944 Schwierigkeiten bereitete, wurde er doch der Kollaboration bezichtigt.

Es sind die 1840er Jahre. Haute-Provence. Aus einem Dorf verschwinden drei Menschen spurlos. Hauptmann Langlois wird in den Flecken entsandt, um die Morde aufzuklären. Am Ende verübt er am Serienmörder Selbstjustiz. Zweiter Teil: eine dramatische Wolfsjagd. Dritter Teil: das Unterfangen des nach längerer Absenz ins Dorf zurückgekehrten, schwermütigen Langlois, sich zu verheiraten. Was mit seinem Suizid endet.

"Ein Mensch allein" ist ein düsteres Buch mit anspruchsvoll springender Dramaturgie. Eine Suche nach dem Bösen, nach Schuld und Isolation, Versagen und Sühne, nach Taten und deren bedrückenden Folgen, nach Worten, die Gefühle verbergen. Ein Roman, den Jean Giono zwischen dem 1. September und dem 10. Oktober 1946 verfasst hat.

Der Autor lebte in Manosque in der Haute-Provence, die kaum etwas gemein hat mit den üblichen Klischees von Meer, Lavendel und Pastis, wo es im Winter kalt ist, im Sommer windig und die Vegeta-
tion karg. Seine Naturbeschreibungen sind unfasslich farbschwelgerisch, derart suggestiv, wie sie kaum einem seiner Zeitgenossen gelangen. Da flammt der Himmel auf. Da werden exquisite Nuancen von flamboyanter Opulenz beschworen. Eine solche Lust, die Natur zu verherrlichen, findet man erst später wieder beim "magischen" Kubaner Alejo Carpentier.