In seinen Romanen hat sich der Wiener Autor Marc Elsberg (52) bisher mit kritischer Infrastruktur ("Blackout"), Datenschutz ("Zero") und Gentechnik ("Helix") auseinandergesetzt. In "Gier" widmet er sich nun dem Thema Ungleichheit im Kontext der Weltwirtschaft. Ausgehend von einer fiktiven Krise lässt er seine Protagonisten, die von dunklen Mächten durch Berlin gejagt werden, ein Wirtschaftsprinzip beweisen, dessen Sukkus lautet: Wer mit anderen teilt, profitiert davon langfristig auch selbst.

"Wiener Zeitung":Was war für Sie als "Zero"-Autor zuletzt eher ein Grund zum Feiern: 15 Jahre Facebook oder das Ende von Google+?

Marc Elsberg: Am ehesten, dass die EU eine halbwegs brauchbare Datenschutzgrundverordnung auf den Weg gebracht hat. So wie sich Facebook & Co. entwickelt haben, ist das nicht unbedingt ein Grund zum Feiern. Dabei wären sie ja grundsätzlich interessante Instrumente.

Die Sie auch selbst benutzen.

Ausschließlich beruflich als Autor. Aber ich überlege inzwischen, Facebook zu verlassen, weil der Algorithmus mittlerweile so eng ist, dass ich pro Posting vielleicht ein Prozent meiner Follower erreiche. Und wenn einmal ein Posting erfolgreich ist, wird prompt eingeblendet, dass ich mehr User erreichen kann, wenn ich etwas zahle. Da hat Mark Zuckerberg sein Versprechen, dass Facebook gratis bleibt, nicht gehalten. Aber damit schafft er sich eh selbst ab. Die jungen Leute treffe ich nicht mehr auf Facebook. Ich glaube, die Sozialen Medien insgesamt werden wir in dieser Form nicht mehr lange haben.

Was kommt dann?

Das ist die Frage. Wer immer das nächste Soziale Netzwerk erfindet, wird wahrscheinlich sehr, sehr reich werden. Und solange unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem so funktioniert, wie es funktioniert, wird auch das irgendwann verwerblicht werden.

Momentan lautet die Formel: unsere Daten für kostenlose Dienste.

Das Gefühl, etwas gratis zu bekommen, ist ein Phänomen der digitalen Kommunikationswelt, das gibt es sonst nirgends in der Realwirtschaft. Und wir bezahlen ja mit unseren Daten. Ich glaube, vielen Leuten ist nicht klar, was die wert sind, als Teil ihrer Identität, den sie hier ohne weiteres vor jemandem ausbreiten. Ich sehe da auch ein hohes Maß an Unwissenheit und Wurschtigkeit.

Die Realwirtschaft spielt in "Gier" eine wichtige Rolle. Ein Protagonist erklärt mit einer Bauernfabel, wie wir alle durch Teilen profitieren. Und es wird behauptet, unser Wirtschaftssystem fuße auf einem Rechenfehler. Ist das alles Fiktion?