Im Gegenteil. Die in "Gier" geschilderten Erkenntnisse sind ebenso komplett real wie der mathematische Rechenfehler. Vor gut 300 Jahren haben mehrere Mathematiker beim Versuch, ein bestimmtes Glücksspielproblem zu lösen - nämlich das St.-Petersburg-Paradoxon -, ein Modell vorgeschlagen, das die Grundlage unserer heutigen Nutzenfunktion bildet. Damit wurden aber Subjektivität und Beliebigkeit eingeführt: Etwas nützt verschiedenen Personen unterschiedlich, dem einen mehr, dem anderen weniger. So wie heute die Nutzenfunktion definiert ist, wird so getan, als könnte man in verschiedenen Parallelwelten leben und dann den Durchschnittswert aus all diesen Welten anwenden. Eigentlich ist auch konzeptuell ein Denkfehler eingebaut. Das wurde über die Jahrhunderte mitgeschleppt. Es gab dazwischen zwar immer wieder Leute, die das korrigiert haben - bewusst oder unbewusst -, aber weil es schon so tief verwurzelt war, wurden diese Korrekturen wieder hinausgeschmissen. Statt das Modell der Mathematik anzupassen, wurde die Mathematik der Ideologie angepasst, der Vorstellung davon, wie es sein sollte - nur dass es halt leider nicht so ist. Man sollte meinen, dass in der Wissenschaft neutral und ergebnisoffen gearbeitet wird. Aber wir haben es hier mit einem klassischen Bestätigungsfehler zu tun.

Also fußt unser Wirtschaftssystem wirklich auf einem Rechenfehler?

Teile davon.

Würde unsere Welt heute anders aussehen, wenn dieser Rechenfehler früher korrigiert worden wäre?

Man kann ein paar Annahmen treffen, aber ich weiß nicht, ob das irgendwohin führen würde. Ich finde es jedenfalls spannend, dass sich neue Möglichkeitsräume auftun, um etwas zu verändern. Die Mathematiker am London Mathematical Laboratory haben jetzt erstmals bewiesen, dass das Zusammenlegen und Teilen von Gewinnen am Ende für alle Beteiligten ertragreicher ist. Dazu gibt es zahllose empirische Forschungen in der Ökonomie und der Soziologie. Aber in einer Welt, in der man alles in Zahlen gießen muss, damit es für real gehalten wird und auch umgesetzt werden kann - in Budgets, in Businessplänen, in Bilanzen -, braucht man ein mathematisches Modell. Die Londoner Mathematiker haben eine Grundlage geschaffen. Wie man die in die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Praxis umsetzt, bleibt jetzt den Profis in diesen Bereichen überlassen, die sich mit diesen neuen Konzepten auseinandersetzen müssen. Es gibt auch schon für einige ganz konkrete Anwendungen Ansätze, etwa für Zinssetzung für Märkte, für Versicherungen, Leverage, Fonds, Risikoeinschätzung. Die Finanzwelt hat diese Ideen ja schon früher aufgegriffen. Es gibt ganz konkrete Hinweise darauf, wie man Vermögen veranlagen und welche Risiken man eingehen kann. Wenn man die Bauern in der Fabel durch Wertpapiere ersetzt, sieht man sofort den Nutzen. Und wenn man es nicht als jährliche Ernte sieht, sondern als Dividende oder Ertrag oder Wertsteigerung von Wertpapieren, womöglich in Millisekunden, sind wir in der Investmentstrategie der Finanzindustrie. Die Lehrbuchmeinung ist ja, durch ein breites Portfolio das Risiko zu streuen. Die Bauernfabel zeigt, was dabei eigentlich passiert: Man beschleunigt und erhöht Wachstum, man vermehrt also sein Vermögen schneller.

Wenn man genug Geld zum Veranlagen hat.

Ja. Und mit dem Geld geht man dann zur Bank und fragt, wo man es investieren soll - um absurderweise die Gegenfrage zu bekommen, welches Risiko man eingehen will und welches Investment man wählen will. Dabei sollte doch eigentlich die Bank dem Anleger sagen, wie er sein Geld am besten anlegt. Das kommt unter anderem aus dem Rechenfehler, den wir seit Jahrhunderten mitschleppen, dass uns Menschen Nutzenfunktionen zugeschrieben werden. Da gilt man dann als mehr oder weniger risikofreudiger Mensch. In Wahrheit variiert das in unterschiedlichen Situationen. Ein Experiment mit afrikanischen Bauern, die einmal im Jahr zur Erntezeit viel Geld zur Verfügung haben und sonst sehr wenig, hat gezeigt, dass sie dann, wenn sie mehr Geld haben, die klügeren Entscheidungen treffen. Leute sind also nicht arm, weil sie die falschen Entscheidungen treffen, sondern sie treffen die falschen Entscheidungen, weil sie arm sind. Das Konzept des multiplikativen Wachstums macht das ganz logisch. Warum sind wir da bloß nicht schon viel früher draufgekommen?