Grande Dame der englischen Literatur: Jane Gardam. - © Victoria Salmon
Grande Dame der englischen Literatur: Jane Gardam. - © Victoria Salmon

Das Klischee vom Stadtmenschen wird gern und leider meist reichlich plump beschworen. Oder das vom Landmenschen - je nach Sichtweise. Die einen nennen die anderen "arrogante Naturbanausen", und die anderen bezeichnen die einen als "kulturelle Neandertaler". Da braucht es schon Jane Gardam, um die Verschiedenheiten zwischen Stadt und Land so fein herauszumeißeln, dass dabei nichts zerbricht. Freilich gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land - in Sprache, Kultur, Lebensgewohnheiten -, aber man kann ja voneinander lernen, oder?

Die große alte Dame der englischen Literatur, gefeierte Bestsellerautorin der "Old Filth"-Trilogie, beweist, dass sie die geschliffene Sprache schon bei ihrem Frühwerk, das mit dem Roman "Bell und Harry" nun auf Deutsch vorliegt, beherrschte.

Da ist das "hohle Land" im Norden von England. (Und so heißt der Roman auch im Original: "The Hollow Land".) Der Bergbau ist hier schon lange zum Stillstand gekommen, viele Häuser sind verlassen. Die in London wohnende Familie Bateman mietet eines davon und reist nun alle Ferien an, um hier - nein, nicht Urlaub zu machen, sondern um hier zu leben. Die Mutter führt den Haushalt, der Vater sitzt in der hinteren Kammer und schreibt. Ausgerechnet er, als erfolgreicher Journalist gewohnt, Recht zu haben, hat von allen Familienmitgliedern die größten Kommunikationsprobleme mit den Einheimischen.

Denn da ist noch die Bauersfamilie Teesdale, die das leerstehende Haus an die Städter verpachtet hat. Eines Tages ist es Zeit, das Heu einzubringen, und weil man auf dem Land vom Wetter abhängig ist, gibt es kein Zuwarten. Der Bauernjunge Bell ist der Erzähler dieser Episode, er hat schon die ganze Zeit die zunehmende Nervosität auf beiden Seiten beobachtet:

"Und dann geht der Trecker kaputt, und es ist Stille. Stille wie zu Anbeginn der Welt oder an ihrem Ende, und der Londoner Vater und ein paar von den großen Jungs kommen rüber (die Mutter ist bestimmt drinnen und hat sich Ohropax reingemacht oder so, weil der Mäher alle zwei, drei Minuten am Haus vorbeirattert, so dicht allerdings auch wieder nicht. Und immer weiter weg, je näher wir dem Ende kommen) und er sagt: ,Geht der Lärm noch lange, Teesdale?’ - ,Wenn ich die Karre repariert krieg, nicht’, sagt mein Dad und frickelt mit irgendwelchen Schraubenschlüsseln herum.,Das bedeutet Krach’, sagt der Londoner Vater. ,Meinetwegen nicht’, sagt mein Vater. ,Ich streite mich nicht.’"