Die "rote Gräfin" Hermynia Zur Mühlen (1883-1951). - © Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main
Die "rote Gräfin" Hermynia Zur Mühlen (1883-1951). - © Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main

"Sie war groß von Wuchs und krankhaft mager. In ihrem bis auf die Knochen eingefallenen Gesicht lebten nur die beseelten Augen, von Todesfurcht geadelte, in menschlicher Solidarität warm leuchtende Augen." So beschrieb der ungarische Schriftsteller Sándor Márai seine Kollegin Hermynia Zur Mühlen, mit der er in den 1920er Jahren gemeinsam mit ihrem Lebenspartner und drei Hunden seine Wohnung in Frankfurt teilte. Die lungenkranke, kettenrauchende und äußerst umtriebige Autorin adeliger Abstammung war zu jener Zeit vom Schwung der russischen Revolution erfasst und sah ihre Bestimmung im Einsatz für die Besserstellung der Menschen, dem sie am allerbesten in Wort und Schrift nachkommen konnte.

Am 12. Dezember 1883 in Wien als Gräfin Herminie Isabella Marie Folliot-Crenneville de Poutet hineingeboren in altösterreichischen Hochadel, verdankte sie es ihrem im diplomatischen Dienst stehenden Vater Victor Folliot de Crenneville-Poutet, Nachkomme eines uralten französisch-normannischen Adelsgeschlechts, bereits als junges Mädchen den Magreb und den Nahen Osten sowie die Türkei, Italien und die Schweiz kennenzulernen. Ausgerechnet in Genf begann sie, angeregt durch eine Bekanntschaft zu einer russischen Emi-grantin, sich für die soziale Frage zu interessieren und überredete ihren Vater sogar, mit ihr gemeinsam auf eine Maikundgebung zu gehen.

Später, als sie eine völlig unstandesgemäße Lehre zur Buchbinderin nach einer Woche Werkstattarbeit abbrach, meinte sie, dass sie "diese eine Woche mehr über die soziale Frage gelehrt habe als viele dicke Bücher". Bei den Kreuzschwestern in Gmunden absolvierte sie eine Ausbildung zur Lehrerin - ebenfalls ein Beruf, der für eine Dame ihrer Herkunft unter jeder Würde war. Doch es war wohl ihre geliebte Großmutter mütterlicherseits, die britischstämmige Isabella Luisa Gräfin Wydenbruck, gewesen, die ihr diese Jugendflause nicht nur nicht ausredete, sondern sie möglicherweise sogar darin bestärkte, gegen den aristokratischen Stachel zu löcken.

Unglückliche Ehe

Die im Sommer 1908 mit dem estnischen Gutsbesitzer Victor von Zur Mühlen Hals über Kopf geschlossene Ehe machte sie bald zutiefst unglücklich. In ihren 1929 erschienenen Jugenderinnerungen "Ende und Anfang" schreibt sie: "Würden wir beide die ganze Welt abgesucht haben, keines von uns hätte einen schlechter zu ihm passenden Menschen finden können. Es gab nichts, worüber sich unsere Ansichten nicht völlig widersprochen hätten."

Ein wegen ihrer angegriffenen Lunge 1913 notwendiger Kuraufenthalt in Davos wurde zur Reise ohne Wiederkehr. Sie veröffentlichte ihre ersten Texte, traf mit Stefan Zweig zusammen, übersetzte Leonid Andrejews "Das Joch des Krieges" aus dem Russischen und lernte ihren Lebensmenschen kennen, den ungarisch-jüdischen Übersetzer Stefan Isidor Klein. Mit der Absetzung des Zaren 1917 brach sie "mit der alten Welt und wagte den Sprung in die neue". Wie weit sie nicht nur emotional, sondern auch politisch ihrem Mann, von dem sie sich 1920 scheiden ließ, mittlerweile entfremdet war, zeigt sein weiterer Lebensweg: Er wurde zur Führungsfigur der estnischen nationalsozialistischen Bewegung und ein hochrangiges Mitglied der SA.