Was für ein trübsinniges, trübseliges, trübes Buch! Und das von einem, der nicht nur mir, sondern einer ganzen Schar einstmals junger, aufstrebender Intellektueller Vorbild war und der auch nicht anstand, diesem "mächtigen Häuflein" (wie sich Rimski-Korsakow, Mussorgski und Co. einst nannten) mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen. Er zeigte uns einen Weg ins Freie aus dem links-getönten, stets dogmatisch angehauchten bundesdeutschen Kulturpessimismus, mit dem wir aufgewachsen waren.

Bedeutend war damals nicht nur Michael Rutschky und was er schrieb, sondern das Ehepaar, also er UND Katharina Rutschky und das, was sie schrieb, und wie sie uns erschienen: als beeindruckendes, durchschlagskräftiges Zweierteam und als unerschöpfliche, charmante Gastgeber, wenn wir nach Berlin kamen und dort in der Wartenburgstraße unsere Aufwartung machten (zur Zeit der Berlinale) und bekocht wurden und aufs Strengste ausgefragt (wir nannten das unter uns "die Matura", die wir etliche Jahre lang neu abzulegen hatten), und am Ende hatten alle Beteiligten doch etwas zu viel über den Durst getrunken.

Als wir dann älter wurden und vor allem, spät aber doch, noch eine richtige Familie gründeten, hätte Frau Katharina uns samt unseren Kindern noch gerne besucht, aber dazu kam es nicht mehr, sie war an Krebs erkrankt und starb daran 2010. Ungefähr bis dahin reicht Michael Rutschkys dritter und letzter, nun posthum erschienener Tagebuchband, und das scheint immerhin darauf hinzudeuten, dass er die letzten Jahre seines Lebens als eher unerheblichen Appendix betrachtet haben muss, zu dem weiter nichts mehr zu sagen war. Die 13 Jahre vorher, die der Band umfasst, fallen - geht man nach diesem Text - ebenso durch Unerheblichkeit auf.

Man findet in diesem Sammelsurium von Alterswehwehchen kaum einen Hinweis darauf, dass sozusagen gleich nebenan der lebenslange Freund der beiden, Kurt Scheel, zusammen mit Karlheinz Bohrer den "Merkur" redigierte, eines der wichtigen Medien eines nicht-linken Philosophierens und Literarisierens, als nach 1989 einige Positionen in Deutschland neu zu verhandeln waren. Und man würde, wüsste man es nicht, nach diesem Tagebuch auch nicht glauben, dass zu eben jener Zeit Katharina Rutschky buchstäblich im essayistischen Einzelkampf die damals massenhafte Denunziation angeblichen Kindesmissbrauchs bekämpfte, intellektuell eindrucksvoll und menschlich bewundernswürdig, und sich damit hauptsächlich Feinde und kaum Freunde machte.

Dauerbeleidigter "R"

Stattdessen bekommen wir eine Unmenge von Träumen zu lesen: es ist naturgemäß jedem Tagebuchschreiber unbenommen, seine Träume aufzuschreiben, doch bin ich überzeugt, nicht der einzige Leser zu sein, der aufgeschriebene Träume habituell überblättert. Wir bekommen ein Leben präsentiert, das merkwürdig ereignislos, ja leblos daherkommt, wo die einzige Leidenschaft, die sich einigermaßen bemerkbar macht, der Neid ist. Neid auf alle, die mehr Beachtung finden als Meister "R." (so nennt er sich im Tagebuch, auch das eine komisch verdrückte Pose).

Dauerbeleidigtheit eines Zukurzgekommenen, alle anderen kriegen das Geld, die Preise, die lukrativen Stipendien. Selbst Frau Katharina wird belauert und hämisch kommentiert, wenn ihr das Schreiben schwerfällt und sie deswegen zuviel trinkt. Es ist alles so unerfreulich, dass man sich gerade als, gewissermaßen, Freund der Familie, geniert, weiterzulesen, und so nebenbei, in jenem Gesamt-Bilanzierungs-Nebenkämmerchen des literarischen Bewusstseins, drauf und dran ist, Herrn R. aus der Liste derer zu streichen, in deren Bücher man später noch einmal hineinzuschauen gedenkt. Alles sehr traurig und irgendwie unbegreiflich.