"Kenzaburo Oe hat mit poetischer Kraft eine imaginäre Welt geschaffen, in der Leben und Mythos zu einem erschütternden Bild der Lage des Menschen in der Gegenwart verdichtet werden", lobte das Nobelkomitee den Preisträger des Jahres 1994.

Sein Roman "Der nasse Tod" (Original 2009) wirkt wie eine Essenz aus dem bisherigen Werk, durchweht von Altersmelancholie und getragen von einem stark autoreferentiellen Habitus. Der japanische Autor (Jg. 1935) spielt mit seiner Autobiografie und Schriftsteller-Existenz - getarnt hinter der Fassade seines literarischen Ego Cogito Choko, das ihn seit Jahren begleitet. Er lässt Choko einen bilanzierenden Vater-Sohn-Roman schreiben und erzählt von dessen literarischem Scheitern an den eigenen hochgesteckten Zielen.

Genau diesen Roman über Kenzaburo Oe und sein ambivalentes Verhältnis zum Vater lesen wir auf einer zweiten Erzählebene, wo sich Erinnerungen, Träume, Fantasien und Fiktion bunt vermischen. Da ist das handlungstragende Einstiegsbild, als der Vater kurz vor Kriegsende in einem Boot sitzt, in das der Ich-Erzähler als Kind selbst hineinspringen will. Doch das Boot wird von der Strömung davongetragen, der Vater tot an Land gespült. Alles deutet auf Suizid als Ursache für den "nassen Tod". Die Schmach der sich anbahnenden Kriegsniederlage ertrug er offensichtlich nicht: Der Vater sympathisierte mit ultranationalistischen Offizieren, die einen Anschlag auf den zur Kapitulation bereiten Tenno planten.

Kenzaburo Oe blickt durch die Cogito-Figur auf sein eigenes Werk, das er von einer avantgardistischen Theatergruppe aufführen lässt. Dieses Buch-im-Buch-Projekt liefert eine durchaus kritische Lebensbilanz aus der subtil arrangierten, fiktiven Außenperspektive. Trotz unübersehbarer biografischer Parallelen zwischen Oe und Choko ist durch die eingefügte Meta-Ebene nichts handfest verbürgt. Fakten und Fiktion sind bei der Lektüre nicht zu trennen.

Ein (leider) etwas ausuferndes Vermächtnis, in dem Kenzaburo Oe mit Japans Nationalismus und Tenno-Kult abrechnet. Glücksmomente sind in seinem Œuvre stets dünn gesät, aber "Der nasse Tod" liest sich wie der Abgesang eines großen Autors, wie ein Konglomerat aus Schmerz und Selbstzweifel.