Man geht ja, nach einigen Jahrzehnten als Leser und Bücherbesprecher, ob man will oder nicht, mit ziemlich vorgefassten Meinungen ans Lesen. Aber immerhin, dann und wann lässt man sich doch wieder einmal überraschen.

So sah ich etwa einen Roman in der Buchhandlung auf dem Regalbrett für "Neuerscheinungen mit beschränkter Erfolgsaussicht". Er stammt ursprünglich vom Anfang der sechziger Jahre, spielt in England und beginnt so: Ein Mann kommt frühmorgens mit dem Zug in einem kleinen Städtchen auf dem Land an, in der Tasche einen Revolver. Er wird heute den Mann erschießen, der vor einem Jahr seinen kleinen Sohn totgefahren hat.

In der Folge kommt es zu einigen teils überraschenden Begegnungen, wir lernen verschiedene Bewohner des Marktfleckens kennen, wo gerade an diesem Tag das alljährliche große Fest zur Kirchweih stattfindet. Gleich anfangs ist da ein schwer Kriegsversehrter, der in seinem Rollstuhl am Fenster sitzt und mit dem Fernglas den Hauptplatz unter Kontrolle hält; da ist der im selben Haus eingemietete junge Lehrer, der es mit der Damenwelt des Ortes recht bunt treibt, nicht zuletzt mit der Frau des Pastors, die mit ihm durchbrennen möchte; wir erleben die Schulstunden mit und die fürchterliche Direktorin, die den Junglehrer hasst und daheim mit ihrer Schwester streitet, mit der sie zusammenlebt, zwei alternde Jungfern in trauter Zwietracht; wir schauen im Friseurladen vorbei, dessen Betreiberin es ebenfalls mit dem Junglehrer treibt, den sie gern heiraten möchte . . .

Alles verwickelt sich dann aufs Ergötzlichste und schrecklich Peinliche, und unmerklich entwickelt es sich zu etwas, was man am Ende, fast ehrfürchtig, als literarisches Meisterwerk bezeichnen muss. Von dem Autor hatte ich zuvor nichts gewusst, und nachdem ich annehme, dass es Ihnen nicht anders geht, würde ich einen Besuch bei (der englischen) Wikipedia empfehlen.

J. L. Carr ist alles andere als eine abstrus-genialische Dichterfigur, was ihn mir gleich sympathisch machte; nach einer Kindheit als sehr schlechter Schüler arbeitete er als Lehrer (die Schulszenen im Roman sind zehennägelaufrollend wahrhaftig), in den 60er Jahren allerdings gründete er einen Verlag und fing an Romane zu schreiben, die von den Stationen seines Lebens handeln und mit denen er einen gewissen Erfolg hatte, aber keinen großartigen, eher einen ziemlich mittleren, weswegen es als das reinste Wunder bezeichnet werden muss, dass der "Tag im Sommer" verspätet auch auf Deutsch herausgekommen ist.