Gegen Ende steuert alles auf den Höhepunkt zu. Ein Höhepunkt kann auch ein Tiefpunkt sein, hier jedenfalls handelt es sich um ein Konzert des als Andreas Mastwächter zur Kenntlichkeit entstellten österreichischen Volks-Rock-’n’-Rollers Nummer eins, das auf einem Schiff am Rottensee stattfinden soll. Vorsicht, Obacht, Gefahr - nicht nur aus musikalischen Gründen: Im Rottensee treibt seit einem Experiment der Nationalsozialisten ein Riesenfisch sein Unwesen, der den besagten Volks-Rock-’n’-Roller zum Anbeißen findet und auf den knapp 300 Romanseiten davor etwa schon dafür gesorgt hat, dass Leichenteile ans Ufer getrieben wurden.

Problem: Der diensthabende Dorfschantinger sieht nicht nur das Unglück dräuen und stößt dabei auf taube Ohren. Er hat auch sehr symbolträchtig Wasserangst und würde im Wachzimmer lieber Socken stricken. Der Rottensee ist sehr wahrscheinlich vom Attersee und somit der hoamatländischen Ursprungsregion des Autors Kurt Palm inspiriert. Hier kennt er sich aus, von hier muss er deshalb auch zeitweilig weg, hier wird sein Urstoff unmittelbar vor der Nase von der Tourismusregion und ihrem Hang zur freiwilligen Selbstverkrümmung, den Leitln oder dem ortsansässigen Goldhaubenmilieu mitgeprägt.

Intoxikationen

Stichwort auch: "Grüß Gott!", Kameradschaftsbund, reiche Russen und Begehrlichkeiten in Sachen Grundbesitz. Der See, ein Stück Hoamat, notfalls auch für "den Ausländer" - wenn er es sich leisten kann. "Rotten" kommt übrigens aus dem Englischen und bedeutet so etwas wie vergammelt, hundsgemein, faulig oder mies, und es fällt einem in diesem Zusammenhang nicht zuletzt eine alte Weisheit des Hamburger Nasalrappers Jan Delay wieder ein, die "Alles ist vergiftet" lautet.

Sie bedeutet im Text von Kurt Palm nicht nur konkrete Intoxikationen wie jene einer lebensnahe gezeichneten österreichischen Innenministerin nach dem Konsum einer Ebolaviren beinhaltenden Egusi Soup bei einem nicht ganz so erfolgreich verlaufenen PR-Termin in einem Asylwerberheim, zu dem man sie überredet hat. Auch über die Beigabe der Nazi-Vergangenheit mit einem Erzählstrang zurück in den Zweiten Weltkrieg, die faktischen Realitäten einer schwarz-blauen Bundesregierung oder anderweitige, im Inneren der Protagonisten begründete Abgründe geht es in "Monster" eher verdorben zu. Es wird sozusagen bald klar, dass der Romantitel definitiv nicht nur das Seeungeheuer selbst bezeichnet, sondern ein Seinszustand ist, den die Provinz gebiert.

Kurt Palm lässt nicht zu wenige Protagonisten auftreten und reißt dafür diverse Genres an, die zumindest zu Teilen zum Trash-Faktor tendieren. Ein lesbisches kommunistisches Vampirpärchen nimmt Rache an einem finanzkräftigen Blutsauger aus der Investorenszene, der im Rahmen einer gewöhnlichen Sexorgie mit Kokain-Hintergrund nur zwei geile Russinnen erwartet hätte. "Wenn es ums Geschäft ging, war es wichtig, alles und jeden zu kontrollieren. Aber heute war vögeln angesagt. Er testete die Härte seines Schwanzes und grunzte zufrieden."

Es gibt aber auch konventionellere Handlungsstränge wie eine sich abzeichnende Romanze einer Polizeitaucherin aus Berlin mit der einheimischen Enkelin jenes Bauern, der seine Anwesenheit bei einem SS-Lynchmord aufarbeiten will.

Blut und Beuschel

Mit der Ausforschung der Angehörigen des Opfers und der baldigen Feier zum 90. Geburtstag des Nazi-Täters wird auf einen weiteren Höhe- und Tiefpunkt zugesteuert. Dass daneben eine Geschichte beinahe untergeht, in der sich die Folgen eines Seitensprungs mit denen eines möglichen Asteroideneinschlags zunehmend auf Augenhöhe befinden, ist ein erzählerischer Kniff, den man unterschätzen könnte.

Tatsächlich hat man am Ende dieses Blut und Beuschel inkludierenden Schelmenstücks zwar sehr oft sehr laut gelacht, dabei hat Kurt Palm vor allem im letzten Drittel sehr empathisch, sehr niederschmetternd, sehr dunkel und traurig wie auch mit autobiografischem Bezug zumindest in Nebensätzen über vernichtende Schicksalsschläge geschrieben.

Wenn schließlich im Finale der große Rumms ansteht, ist der Trash-Faktor zwar wiederhergestellt, es ist da aber auch eine große, todernste Schwärze, nach der nichts mehr ist.