Kritikerlegende Friedrich Luft (1911-1990). - © Ullsteinbild/Buhs/Remmler
Kritikerlegende Friedrich Luft (1911-1990). - © Ullsteinbild/Buhs/Remmler

Da hatte einer keine Zeit. Und man hörte es. Dabei war er jung. Und hatte doch schon vieles erlebt in seinem 34 Jahre kurzen Leben. "Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahr 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II."

Diese Selbstbeschreibung vernahmen die Hörer des Berliner Radiosenders Rias zum ersten Mal am 7. Februar 1946, im ersten, bitterkalten Nachkriegswinter. Und auch das Versprechen, regelmäßig aus der viergeteilten Stadt zu berichten: "Wir sprechen uns wieder, in einer Woche. Wie immer gleiche Stelle, gleiche Welle, herzlich auf Wiederhören, Ihr Friedrich Luft".

Viele hörten ihm zu, sehr viele. Obschon er schnell sprach, fast überstürzt. Als habe er niemals genug Zeit, um sein Wissen und seine Urteile über die Aufführungen in den damals 200 (!) Berliner Theaterhäusern in die Sendezeit hineinzuzwängen. Sein Tonfall war lässig, soigniert, cool, bevor man wusste, was das bedeutete, nicht abgehoben, aber von großer Bildung zeugend, nassforsch, aber nie impertinent. Bald wurde er zur "Stimme der Kritik". So hieß seine kurze Sonntagssendung.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" meinte im Jahr 1950, durchaus perplex: "Während der kritischen Sonntagsviertelstunde Friedrich Lufts werden Radioapparate zu schweigend umlagerten Konzentrationspunkten der Familien, in vielen Haushalten Berlins und der Ostzone, die vom westlichen RIAS angestrahlt wird. Die ‚gleiche Stelle, gleiche Welle‘, auf der sich F. L. zum Abschied immer für den nächsten Sonntag ankündigt, ist in Berlin heute gebräuchliche Verabredungsformel wie ‚wir telefonieren noch‘." Berliner war Luft, der 1990 verstorbene Radiomann, mitunter frech bis zur gnadenlosen Überspitzung, dann hinreißende Elogen flechtend. Er hatte Mutterwitz, wusste, was "schnoddrig" war und was nicht: ungraziös bis vulgär, und er besaß Ironie im Übermaß.

Jetzt ist er, wieder, als Feuilletonist zu entdecken, als Autor für Zeitungen. Wilfried F. Schoeller, Biograf des Berliner Romanciers Alfred Döblin und des bayerischen Malers Franz Marc, hat aus Lufts Nachlass in der Berliner Akademie der Künste eminente Feuilletons von den späten Dreißigern bis zu den frühen Achtzigern zusammengestellt, nicht wenige davon verstreut erschienen.

Feuilleton, das war "dermaleinst" ein kurzes Stück Prosa, luftig, duftig, pointiert, geistreich, ein scheinbares Nichts. Meister dieser Kleinform gab es en masse, von Alfred Polgar über Kurt Tucholsky bis zu heute fast vergessenen Beiträgern in Magazinen wie Stefan Großmann ("Das Tage-Buch").

Was der junge Luft von diesen lernte, das zeigt sich in den Auszügen aus seinen "Luftballons" von 1939 und den "Tagesblättern von Urbanus" von 1948. Weitere Kapitel sind dem "Flaneur und Reisemann" eingeräumt, der "Heiterkeit in Einzelheiten", Ausgewähltem aus dem Buch "Luftsprünge" (1963) und "Berlin".

Thesaurus an Witz

So manches nur noch kulturhistorisch Interessantes gibt es da, etwa Lufts Reflexionen in Hollywood. Aber andererseits zauberhafte, grandiose, treffende Formulierungen zuhauf: "Der Quatsch in schöner Gestalt (die nur schön zu sein scheint) geht gewaltig um. Die parfümierte Kleisterrede findet sich in fast allen Bezirken. Der Leerlauf der ambitiösen, ausgequetschten Ausdrucksweise hat auf eine erschreckende Art an Tempo gewonnen." Oder, fast ein Aphorismus: "Des Menschen Wesen ist Unverstand." Insgesamt ein Thesaurus an Witz und Formulierungskunst.

Buchkünstlerisch ist dies einer der aufregenderen Bände der "Anderen Bibliothek" in jüngerer Zeit.